Lesungen, Was läuft?

DAS EIGENTLICH-MAß

Lesung_Nottbeck eigentl Heimat (26)D. Bogdanski

„Wie war dein Jahr?“ Die Frage hört man bald wieder. Was man antwortet, ist gefärbt von der Grundhaltung zum Leben und der Tagesform. Angemessen ist es daher nie. Pessimisten winken ab, werfen den Kopf schräg nach hinten, kneifen die Augen zusammen und grummeln: „Komm, hör auf.“ Optimisten beginnen, die Errungenschaften aufzuzählen und verdrängen gepflegt, was ihnen die ganze Zeit fehlt. Es bräuchte eine bessere Methode. Etwas Messbares, Konkretes. Sie sei hiermit vorgestellt.

Wer sein Jahr halbwegs ehrlich mit sich selbst zu beurteilen wünscht, folge dem „Eigentlich-Maß“. Das geht so. Man zeichne eine Linie auf ein kariertes Blatt Papier und markiere jeden Zentimeter einen Abstandsstrich. Der erste Strich ganz links bedeutet „Null“ und stellt das Leben dar, das man im Jahr tatsächlich gelebt hat. Rechts davon notiert man nun all die Dinge, die man „eigentlich“ gerne getan hätte. Je wichtiger diese einem sind, desto weiter rechts auf der Achse trägt man sie ein. Der Punkt „Eigentlich hätte ich gerne mal den Haselnussstrauch im Garten versetzt“ landet dann zum Beispiel nur an der zweiten Markierung. Die große Sehnsucht „Eigentlich wollte ich endlich mal wieder ans Meer“ tragen Sie womöglich instinktiv ganz weit rechts bei „+20“ ein. Je mehr Punkte sich weit weg vom tatsächlich gelebten Jahr befinden, desto größer ist Ihr „Eigentlich-Maß“ und desto unbefriedigender demnach Ihr Jahr. Tummeln sich die ganzen nicht realisierten „Eigentlichs“ alle nahe dem Nullpunkt, war das Jahr besser.

Für mich persönlich landet der Punkt „Eigentlich möchte ich mal wieder das Kulturgut Haus Nottbeck besuchen“ jedes Jahr bei mindestens „+9“. Umso glücklicher bin ich, dass ich ihn kurz vor Jahresende umsetzen konnte. Am Freitag, den 5. Dezember, moderierte ich den Leseabend zur Eigentlich Heimat-Anthologie (noch so ein „eigentlich“!), welche die Kunststiftung NRW in Zusammenarbeit mit dem Lilienfeld Verlag herausgegeben hat. Jörg Albrecht, Sabrina Janesch und Gunther Geltinger lasen ihre Texte aus dem Sammelband und kamen sowohl mit mir wie vor allem mit dem erlesenen Publikum im weihnachtlich erleuchteten Gartenhaus sehr angeregt ins Gespräch. Es ging um Schreibprozesse, Sprachformen, Heimatbegriffe, den Unterschied zwischen Lesen und Vorlesen sowie dem zwischen „gute Geschichten erzählen“ und „eine Geschichte gut erzählen“, wie Gunther Geltinger es formulierte. Die Gäste, welche die Chance auf das Gespräch mit den Autoren besonders intensiv nutzten, waren zudem nicht mal Stammgäste des Kulturguts, sondern erstmals an diesem fantastischen Ort. Es steht zu vermuten, dass der Punkt „mindestens ein Mal im Jahr das Museum für Westfälische Literatur besuchen“ ab 2015 auf ihrer Eigentlich-Skala auftaucht.

Nach der Show beendete ich mein berufliches Jahr mit einem einsamen Rundgang über das Gelände. Wie einst Franz Beckenbauer, der nach dem Titelgewinn 1990 keine Sektdusche wollte, sondern ein paar Minuten für sich. Erinnerungen kommen auf an das Jahr 2010, als meine Frau Sylvia Witt und ich unsere „Hui-Welt“ von Hartmut und ich unter dem Motto „Ab ins Buch!“ hier zum bewohnbaren Themenpark machten. „Murpig sein“, wie Hartmut es nennt, also spielerisch frei um die Ecke denken, wird hier im Kulturgut Haus Nottbeck wie kaum irgendwo anders praktiziert. Marc Degens las hier während einer Ausstellung durch die Gegensprechanlage aus dem Büro des Veranstalters seine Gedichte vor. Das kleine Boot auf dem Wassergraben rund ums Gelände wurde bereits genutzt, um mit Autor, rudernder Praktikantin und jeweils einem Gast darin persönliche Lesungen zwischen Schilf und Enten zu zelebrieren. 2012 gewann das Kulturgut Haus Nottbeck einen Preis für innovative, ungewöhnliche Literaturvermittlung. Der Namensgeber der Auszeichnung: „Hartmut Vogel“.

Nottbeck ist Heimat.
Nicht nur „eigentlich“.

Oliver Uschmann

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