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sag mir einfache dinge

Katharina Bauer_Roter_Faden_vielleicht

Katharina Bauers ein ganzes vielleicht
zieht sich als roter faden durch das mühsame, ein normales leben zu führen

„sag mir einfache dinge“, fordert Katharina Bauer und hat unmögliches im sinn, nämlich die überwindung des geliebten wesens, endlich mit der sprache herauszurücken. zu wissen, „ich trage deine angst bei mir“, wird es dem geliebten nicht einfacher machen, den mund wirklich aufzubekommen, vielleicht ist das aber auch garnicht notwendig. eventuell reicht es aus, das wetter vorherzusagen oder mit raubvögeln zu kommunizieren.

Katharina Bauer ist keine autorin, die im literaturbetrieb besonders auffällt. das liegt daran, dass sie langsam schreibt, nach eigener auskunft neben ihrer brotarbeit an der philosophischen fakultät der uni bochum zu selten zum schreiben kommt, sich ansonsten aber unbedingt als lyrikerin und nicht als allgemeinschreibende versteht. die dortmunderin veröffentlicht wenig. das darf jedoch kein kriterium sein, ihre gedichte nicht wahrzunehmen.

zuerst gelesen habe ich Bauers übersetzungen der lyrik Bianca Boers in der anthologie afspraken/ verabredungen, einem projekt des westfälischen literaturmuseums haus nottbeck 2012, zu dem sich vier niederländische mit vier deutschen dichter/innen aufs abenteuer des übersetzens einlieszen. auch wenn Boers poeme umfangreicher sind als Bauers eigene texte, merkt man doch eine verwandtschaft im tonfall. schlichtes parlando. alltag. „ich kenne einen mann der 150 kirschbäume kaufte / weil er da lust drauf hatte“. die ehefrau in Boers gedicht neerwaarts/ abwärts „weigert sich marmelade draus zu machen“, wir aber haben beim lesen den süszen geschmack des absurden auf der zunge. „die wörter spielen verstecken“, und stets mischt sich – bei der niederländerin wie in Katharina Bauers gedichten – das abwegige mit dem melancholischen: „es sind die jahreszeiten gewesen / die uns mit regen trösten wollten“.

und trost braucht man, wenn man im westfälischen literatur abseits von regionalkrimi und volkstümelnder reimerei betreiben will. nach jahren, eigentlich jahrzehnten, haben sich erstmals wieder 2013 Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel mit ihrer sammlung westfalen, sonst nichts? um ernstzunehmende lyrik in und aus dem kulturraum gekümmert. schon der von der kunststiftung nrw 2014 herausgegebene nachfolger stadtlandfluss setzt wieder ein verwässerndes „nordrhein“ vor den landesteil. obwohl oder vielleicht auch trotzdem man „auf grosse namen, natürlich auf die Droste, aber auch auf Ernst Meister, Rolf Dieter Brinkmann oder Nicolas Born“ verzichtet hat, weil man die auswahl aus büchern bezog, die nicht älter als 25 jahre sein sollten, drängt sich Ulla Hahn im nachwort die frage auf: „wo bleibt da das spezifische?“

Kasnitz und Wenzel konzentrieren sich nicht nur geographisch genauer, sondern auch zeitlich, und finden daher mehr als die üblichen verdächtigen und beispielsweise auch Katharina Bauer. „noch einmal / kurz innehalten / dich vor mir warnen“, endet ihr beitrag in der anthologie, und es ist eine jener warnungen, die man vernimmt, aber nicht versteht. erst als ich einige monate später auf ihre aktuelle publikation ein ganzes vielleicht stosze, bemerke ich, dass, was ich in westfalen, sonst nichts? für angenehme gedichte gehalten hatte, gleichzeitig gefährliche lyrik ist: viral, sich festsetzend. „noch eben Anna Karenina lesen bis zu dem punkt / wo sie unglücklich wird / das dauert nicht lange“.

ich halte meinen studenten das lyrikheft mit dem roten faden unter die nase, ich schreibe zeilen von Katharina Bauer als motto über meine liebesbriefe, und ich begeistere mich über ein gedicht voller kinder, obwohl ich mit eiswaffeln kleckernde, wahrscheinlich nicht besonders leise gören absolut nicht ausstehen kann. die autorin schafft es aber, die sich in der umgebung der kleinen hilflos fühlende hilfsmutter nicht zu verkitschen; Katharina Bauer gelingt es, die worte zu reduzieren, oft auf einfache aussagesätze hin, ohne die aussage zu vereinfachen. denn was kann komplizierter sein als beispielsweise eine liebesbekundung nicht im schwelgerischen versacken zu lassen:

voranschlag

ich würde
die schöne armbanduhr hergeben
mit dem flachen goldenen gehäuse
die drei silbernen leuchter
die kleine chinesische schale
ich gäbe zweidrittel meiner bücher
die ergonomische tastatur
die gesammelten postkarten
ein oder zwei meiner besseren freunde
ich könnte auf neue schuhe verzichten
auf das auto auf einen teil der stille am nachmittag
auf meine schmalen hüften
oder das licht im september
ich könnte dir etwas entgegengehen
fürs erste

es ist nicht allein die selbstironische note oder das gerade noch als verschroben empfundene, absurde moment, das Katharina Bauers lyrik so lesenswert macht. vielmehr gewinnen die texte dadurch enorm, dass ihr thema keine so häufig bedichtete, ewig neue und angeblich unerfahrene liebe ist, sondern alltag, ehe, der charme des nur scheinbar angestaubten und das immer wieder interessant finden des auch nach jahren gleichen partners.

Crauss, november 2014

Bianca Boer, Tsead Bruinja, Els Moors, Menno Wigman: afspraken / verabredungen. gedichte. ins deutsche übertragen von Katharina Bauer, Thomas Kade, Ralf Thenior, Ellen Widmaier. roterfadenlyrik, edition haus nottbeck. oelde/ dortmund: vorsatz verlag 2012.

Adrian Kasnitz, Christoph Wenzel (hrsg.): westfalen, sonst nichts?. eine anthologie. aachen, zürich, köln: edition [sic]/ parasitenpresse 2013.

Jürgen Nendza, Hajo Steinert (hrsg.): stadtlandfluss. 111 dichterinnen und dichter aus nordrhein-westfalen. eine lyrikanthologie. düsseldorf: lilienfeld verlag 2014.

Katharina Bauer: ein ganzes vielleicht. gedichte. roterfadenlyrik, edition haus nottbeck. oelde/ dortmund: vorsatz verlag 2014.

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