Autor*innen, Bücher

„Ewigkeitsfunken schlagen“

Otto_Boehmer__Foto_Andreas Laich

Bernd Hölzenbein erhält das Angebot eines Stiftungsvorsitzes zur Förderung des literarischen Nachwuchses. Er kennt die Stadt, er studierte dort und doch scheint es ihm alles schon so seltsam lange her zu sein. Auf der Fahrt zum Einstellungsgespräch fließt die Erinnerung ebenso wie der Wein. Bis er die sommersprossige Frau kennenlernt. In dieser Stadt. In einem heißen Sommer, der nicht enden will. Und allen sonstigen Irrungen und Wirrungen Hölzenbeins, allen kuriosen Begegnungen und irrwitzigen Dialogen wie zum Trotz scheint sich eine merkwürdige, melancholische Liebesgeschichte zu entspinnen. Hölzenbeins Erleben changiert zwischen Lethargie und Ich-Bezogenheit, Ironie und Heiterkeit, Alltäglichem und Versponnenem, Hoffnungen und Enttäuschungen

Dazu ein paar Auszüge aus dem Interview, das Arnold Maxwill mit Otto A. Böhmer führte:

[…]

Böhmer: Komik und Tragik liegen nah beisammen, wir wissen es längst. Da ich, wem auch immer sei Dank, von Tragik bislang weitgehend verschont geblieben bin, habe ich mich, auf Hausmacherart, mehr der Komik zugewandt, die bei mir allerdings nur als zartes Pflänzchen blüht und auch verblüht. Das ist aber gut so, denke ich. Vertreter für krachende, unentwegt zünde(l)nde Komik gibt es genug, da muss ich mich, schon gar nicht im etwas reiferen Alter, noch miteinreihen. Überdies, davon wird vielleicht noch zu reden sein, hat die Komik, die mir zur Verfügung steht, immer auch mit Wehmut zu tun, da sieht dann manches gleich anders aus.

[…]

Maxwill: Bei aller Versponnenheit und anekdotischer Leichtigkeit ist „Das Jesuitenschlößchen‘ doch auch ein Roman des Alltäglichen, der das Menschlich-Allzumenschliche – oftmals auch betont nebensächlich – skizziert und seziert. Dass die tagtäglichen Ereignisse nicht nur von enervierender Routine und erschreckender Vorhersehbarkeit dominiert sind, sondern durchaus ihren eigenen Reiz haben können, […]

Böhmer: Der Alltag, der sich ja auch als Hauptfeind aller Liebenden bewährt hat, ist der eigentliche Animateur unserer Existenz, die dadurch in der Regel wenig Begeisterungsstürme entfacht. Wir geben uns Mühe, drohen aber ständig zu scheitern, wobei es oft genug arge Kleinigkeiten sind, die uns aus dem Tritt bringen. Von außen beäugt, kann das sehr erheiternd wirken; wer allerdings mitten drin im Missgeschick ist, hat wenig zu lachen. Da kommt dann aber die gute alte Schadenfreude ins Spiel, an der Schopenhauer beispielsweise so viel Spaß hatte, dass er zurückrudern musste, um, nunmehr philosophisch korrekt, ebendiese Schadenfreude als schädlich und schäbig zu verdammen. Kurzum, der Alltag hält uns im Griff, und einem wie mir werden dabei Szenerien zugespielt, die ich für beschreibenswert halte, obwohl oder gerade weil sie meist unauffällig sind, ja oft sogar unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle bleiben. […]

Maxwill: […] Ist Ihr Schreiben der Versuch, allen bekannten Schwierigkeiten und Mängeln zum Trotz von den permanenten Ausfallschritten zwischen Hoffnung und Enttäuschung zu berichten?

Böhmer: Das Leben, wie es meine allesamt etwas verschrobenen Helden sehen, ist verlorene Liebesmüh’, will aber trotzdem durchstanden sein, nicht zuletzt, weil es schön und einzigartig und vermutlich so nicht zu wiederholen ist – da kommt Stimmung auf, die bei mir gerne, sehr gerne wehmütig grundiert ist. Anfang und Ende liegen nur eine bemessene Wegstrecke voneinander entfernt; unsere persönlichen Zugangs- und Abgangsdaten stehen fest, werden uns aber höheren Orts aus gutem Grund vorenthalten. Dazwischen, auf ebendem Lebensweg, gibt es, wie Sie sagen, jede Menge Hoffnungen und Enttäuschungen, aber eben auch wundersame, ja anrührende Glücksmomente, die aus ihrer forcierten Vergänglichkeit Ewigkeitsfunken schlagen, an denen wir uns, solange es geht, und es geht leider nie lange, ein wenig wärmen können. Ach ja, und die Hoffnung ist natürlich immer wichtig, sie stirbt, wie man nicht nur in Abstiegskandidatenkreisen weiß, zuletzt.

[…]

Maxwill: In fast allen Ihren Romanen finden sich Figuren aus Westfalen: immer Nebenfiguren, immer mit einem irrwitzigen (und doch ‚typisch‘ westfälischen) Doppelnamen. Irgendetwas scheint also als nachweisbare Spur beim Schriftsteller Otto A. Böhmer von seinen Jahren in Warendorf haften geblieben zu sein. In „Das Jesuitenschlößchen“ bekennt Bernd Hölzenbein über seine Vergangenheit freimütig: „Auf den Wiesen spielten wir Fußball, Kuhfladen dienten als Markierung der Tore. Durch dünne Wäldchen sahen wir hinaus zum Himmel. Gräben und Felder, dicke fette Höfe, schweigsame Menschen. Wer mehr als drei Sätze am Tag sagt, die Nacht zählt nicht, gilt als Plaudertasche. Nieder mit den Schwatzbrüdern. Mutig wie ich war, ging ich vom Münsterland direkt nach Münster.“ – Sie betreiben hier ein kaum weiter verdecktes Spiel mit eigenem biografischem Material und sparen nicht an Selbstironie. Ist es – neben der lustvollen literarischen Beschäftigung mit der eigenen Person – auch ein verspätetes (und höchst moderates) Rachegelüst an der Provinz, was sich hier bemerkbar macht?

Böhmer: Rachegelüste an der Provinz kenne ich nicht, ich habe mich selbst immer als provinziell empfunden, das hatte bei mir eigentlich nie einen abwertenden Klang. In die großen Städte hat es mich nicht gedrängt, außer zu erweiterten Wochenendreisen im Sparangebot. Das war dann meist ganz schön, das Urbane hat auch was, zugegeben. Westfalen, genauer: das Münsterland, noch genauer: Warendorf sehe ich bis auf den heutigen Tag als meine Heimat an, obwohl ich in Rothenburg ob der Tauber geboren bin und seit Langem im Hessischen hause, wo es uns auch gefällt. Insofern sind die literarischen Exkursionen zurück ins Westfälische bedacht gesetzt und lösen, hoffentlich nicht nur beim Autor, heimatliche Gefühle aus. Die andere Landschaft meines nostalgischen Wohlbehagens ist der Schwarzwald, im Besonderen das nicht so bekannte Hochtal von Saig; auch von dort sind Bilder abrufbar, die in, in leichten Variationen, der unerschrockenen Wiederverwendung harren.

[…]

Maxwill: In Ihrem Nietzsche-Roman „Der Hammer des Herrn“ (1994) heißt es an einer Stelle: „Leute wie dieser Nietzsche hatten sich ihr Schicksal selbst zuzuschreiben; das Leben, eine normale Veranstaltung mit normalem Unterhaltungswert, ließ sich nicht ungestraft verhöhnen.“ Vom kleinkariert-missgünstigen Neid des Professorenkollegen Nietzsches und seiner entsprechend despektierlichen Meinung gegenüber dieser neuartigen Philosophie an dieser Stelle einmal abgesehen: Das Leben, eine „normale Veranstaltung mit normalem Unterhaltungswert“? Ist dies nicht eine Vorstellung, gegen die Sie schriftstellerisch immer wieder ankämpfen, die Sie zumindest – mal spöttisch, mal ironisch, mal sarkastisch – in Frage stellen?

Böhmer: Ja, dagegen anzukämpfen ist sozusagen literarische Pflicht, wenn man gewisse Ambitionen hat, die darauf hinauslaufen, dass man sprachlich nicht immer die gleich die erstbeste, somit die bequemste Lösung wählt. Die Mittel, die ein Autor zur Verfügung hat, sind oft reichhaltiger, als er meint. Was seinen internen Werkstattbetrieb angeht, sollte er, um mit Rilke zu sprechen, „leidenschaftlich“ genug sein, „keine von diesen Stimmen zu versäumen, die da kommen sollen“. Einfacher gesagt: Man sollte bereit sein, sich von sich selbst und den geheimnisvollen Begünstigungen, die einem zuteil oder eben leider nicht zuteilwerden, überraschen lassen. […] Zugleich aber, und das ist kein Widerspruch, gilt es das Hohelied des Realismus zu singen; der nämlich ist wichtig, überlebenswichtig. Insofern kann man den geordneten Alltag – die Betonung liegt da bei mir kurioserweise auf ‚geordnet‘ – gar nicht genug schätzen. Was es wert ist, das Leben als die von Ihnen zitierte ‚normale Veranstaltung mit normalem Unterhaltungswert‘, weiß man meist erst dann (wieder) zu schätzen, wenn die gewohnten Strukturen um einen herum brüchig werden oder gar kollabieren, von Krankheiten und persönlichen Verlusten ganz zu schweigen.

[…]

Maxwill: Sie scheinen – wie die Romantiker – durchaus dem Schwund des Geheimnisses, der Stimmungen und (vielleicht auch) der Schönheit in unserer irreversibel entzauberten Welt – dominiert von Pflichterfüllung, (Selbst-)Optimierung und Vergnügungszwang – ein wenig mit Bedauern, mit schwermütiger Traurigkeit nachzublicken …

Böhmer: Ja, aber diese Traurigkeit ist auszuhalten, wird sie doch von ihrer anmutigen Schwester, der Heiterkeit, begleitet, die über die Jahre ihren Charme gehalten hat, ja bei passender Gelegenheit noch zuzulegen weiß. Mit ihr komme ich aus, auch wenn ihr Zuspruch gelegentlich etwas Bemühtes und Augenwischerisches hat. Außerdem gehen mir Leute, die chronisch schlecht gelaunt die guten alten Zeiten preisen, auf den Geist. Die guten alten Zeiten waren, soweit wir das beurteilen können, oft nur alt, aber nicht gut. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die über uns verhängte Gegenwart zu durchstehen, die manchmal auch ruhig mal gelobt werden darf. Letztlich haben wir nämlich, in stetig fortschreitender Momentaufnahme, nicht viel mehr als ebendiese Gegenwart. „In der Vergangenheit hat kein Mensch gelebt, und in der Zukunft wird keiner leben“, wusste der unvermeidliche Schopenhauer, „sondern die Gegenwart allein ist die Form alles Lebens, ist aber auch sein sicherer Besitz, der ihm nie entrissen werden kann.“

Otto A. Böhmer: Das Jesuitenschlößchen. Roman.
Herausgegeben und mit einem Nachwort und Autorengespräch von Arnold Maxwill.
Bielefeld: Aisthesis 2014. (= Bücher der Nyland Stiftung, Köln; Nyland Literatur Bd. 10)
ISBN 978-3-8498-1078-8
233 Seiten, kart. EUR 12,80

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