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Zwischen Witz und Wehmut

Otto A. Böhmer_Das Jesuitenschlößchen   Cover_Aisthesis

Der Ich-Erzähler Bernd Hölzenbein übt sich im „Jesuitenschlößchen“ in der Kunst des Verkennens. Zwischen Lethargie und Ich-Bezogenheit entfaltet sich ein Text mit humanistischem (geisteswissenschaftlichem) Inventar und wirkt dennoch nicht überfrachtet. Vielmehr schafft er die „Balance zwischen Witz und Wehmut“, die nicht in die Groteske abzurutschen weiß, vollführt ein Spiel zwischen Ironie und Heiterkeit, changiert zwischen Alltäglichem und Versponnenem, Hoffnungen und Enttäuschungen. „Das Jesuitenschlößchen“, das erstmals 1985 erschien, erfährt in diesen Tagen eine Neuauflage im Aisthesis-Verlag in der Reihe Nyland-Literatur (Bd. 10). Hier ein Auszug:

Der Weg ging jetzt in einer langen Geraden über eine sanft geschwungene Anhöhe, hinter der, soweit ich mich erinnerte, das Je­suitenschlößchen liegen mußte. Auf einmal fühlte ich mich unsicher, unpäßlich häßlich, indisponiert, wortlos leer, verraten und noch nicht verkauft. Jetzt komme ich, sagte ich laut. Meine Stimme klang wie die eines aufsässigen Hohlraumgurglers. Wenn man mich fragte, würde ich heftig nicken. Oder den Kopf schütteln. Alle Anwesenden an­starren. Die Festigkeit meines Blicks. Niemand wußte, was ich vorhatte. Ich auch nicht. Das mußte mir eigentlich Aufmunterung genug sein.

Da lag das Jesuitenschlößchen. Komisch, es sah ganz anders aus, als ich es in Erinnerung hatte. Was ich jetzt sah, war ein eher mickriges Gebäude. Zur Linken eine große Terrasse. Das Gartenlokal. Tische und Stühle, umherschwirrende Wespen, trinkende, schwitzende, eis­fressende Menschen, humpelnde Kellner. Kinder. Mindestens acht ungezogene Kinder. Das Gartenlokal sah aus wie eine spätmittelalterliche Flachdachburg. Dahinter das Hauptgebäude, eine von drei Bäumen umstandene Wohn- und Residierstallung, die Fenster wie große tote Augen. Da wohnte doch keiner mehr, kein Knecht, kein Chauffeur, kein Gärtner, und die Familie des allerletzten Deichgrafen war schon vor Generationen fein säuberlich ausgestorben. In dieser Trutz- und Putzhütte sollte eine Stiftung untergebracht sein. Kaum zu glauben. Vielleicht war dies gar nicht das Jesuitenschlößchen, sondern eine Wagenburg des Opus dei, ein Wegwerfschlößchen für bedächtig hantierende Filmgesellschaften und philosophische Regionalzirkel mit Überblickssatzung und kontinuierlichem Weinverbrauch. Alle Menschen, Nager und Säuger nach Hause, sagte ich laut und drohend. Und krächzend.

Je näher man an Gartenlokal und Jesuitenanwesen heranrückte, desto mehr mußte man sich zwischen wahllos im Gelände herumgeparkten Klein- und Protzautos seinen Weg bahnen. Von der Terrasse hörte ich es laut schmatzen. Einer rülpste. Ein Glas fiel runter. Saubande. Ich ging auf das Hauptgebäude zu, ließ das Gartenlokal links liegen, obwohl mir in diesem Moment wieder ein unmenschlicher Durst zusetzte. Unter den drei Bäumen war es kühl, der Lärm von der Terrasse kaum noch zu hören. Tote Hose, totes Haus. Immerhin gab es eine Eingangstür und eine protzige Klingel, unter der stand ›J.-Ph.-H.-Stiftung‹ und ›Lorenz Amalfo-Crossi, Maler (2x)‹. Ich drückte auf den Klingelknopf. Einmal. Nichts rührte sich. Ich klingelte zweimal. Was für ein Geräusch. Es hörte sich an, als ließe jemand im Keller kurze heiße Signalfürze nach oben steigen. Ich versuchte die Tür auf­zumachen. Verschlossen. Vielleicht machte man bei dieser Stiftung pünktlich Feierabend. Wenn nicht, würde ich mich dafür einsetzen. Ich blickte auf meine Armbanduhr. Ich war nicht zu spät und nicht zu früh. Aber es schien keinen zu geben, der mich erwartete. Ich klingelte wieder, rüttelte ratlos an der Tür. Auf einmal hörte ich innen Schritte, schlurfende Schritte. Jemand fingerte an einem Schlüsselbund, brummelte, seufzte. Die Tür wurde aufgeschlossen.

Ich komm nicht raus. Vor mir stand ein Mann, der siebzig oder fünfundzwanzig Jahre alt sein konnte. Dunkle, mit grauen Strähnen durchwirkte Haare standen ihm auf dem Kopf wie eine gut festgezurrte Spreizhaube. Darunter ein längliches Gesicht mit Bussardnase und vierhundert Falten, das von einem Vollbart bekränzt wurde, der dazu geschaffen schien, die Teller abzuwischen, nach jeder Mahlzeit. Aber einen schönen Mund hatte der Mann, den schönen Mund eines noch jungen Mannes, der sich immer beim Sprechen geschont, die Kräfte eingeteilt hatte.
Ich komm nicht raus, wiederholte der Mann.
Sie sollen auch gar nicht raus kommen, sagte ich, denn ich will rein.
Wollen Sie zur Stiftung?
Ja, wenn es die hier überhaupt gibt.
Doch, doch. Die hocken alle hinten im Garten und saufen sich die Hucke voll, sagte der Mann.
Was saufen sie denn, fragte ich und leckte mir die ausgedörrten, wie mit winzigschmalen Sandgräben durchzogenen Lippen. Wein? Bier? Schnaps? Oder nur bitzelsaures Mineralwasser?
Alles, die saufen alles. Diese Stiftung ist ein einziges großes Getränkelager. Ohne Auslieferung.
Hört sich vielversprechend an, sagte ich. Hätten Sie die Güte, mir den Weg in jenen Getränkegarten zu zeigen?
Treten Sie in meine Fußstapfen, sagte der Mann. Ich heiße übrigens Lorenz Amalfo-Crossi.
Sind Sie der bekannte Maler? Der Mann, der so viele großartige Bilder gemalt hat, Bilder, die in den Ausstellungsräumen von Castrop-Rauxel bis Bad Salzuflen gezeigt werden, in den Museen zwischen Otterndorf, Schlangenbad und Katzenhausen, der berühmte Alfons Grandolfo-Prassi? Ich heiße, das soll nicht unerwähnt bleiben, Bernd Hölzenbein.
Ich darf meinen Namen wiederholen, sagte der Mann, Lorenz Amalfo-Crossi. Und berühmt bin ich nicht, und meine Bilder hängen nirgendwo, denn ich bin zwar Maler, aber ich male nicht.
Das klingt einleuchtend, sagte ich, nur über diese Gestalten kann man noch reden, die Maler, die nicht malen, und die Dichter, die nicht dichten. Auch die Musiker –
Aber Sie – der Mann stieß einen langen dünnen Zeigefinger auf meine Nase zu – Sie kenne ich. Holzmann, Bodo Holzmann, jener bekannte Erfinder des Laufstalls für Erwachsene und der literarischen Schweigepflicht, Bruno Holzhausen, der auch als erster jenes Holz entdeckte, das zuhauf nur vor ganz bestimmten Hütten liegt.
Sehr witzig, sagte ich, in der Tat sehr witzig, ich glaube, wir verstehen uns. Ich streckte ihm meine rechte Hand entgegen, und er drückte sie wie ein Kneteisen.

Wir standen in einem recht düsteren Flur. Muffig roch es und nach Weihrauchspray. Am Ende des Flurs stand ein Lichtstrahl wie auf­gesteckt in den Boden.
Folge mir, mein Sohn, sagte Lorenz Amalfo-Crossi. Wir kamen an drei oder vier Zimmern vorbei, die alle offenstanden und irgendwie gleich aussahen, in der Mitte des Raumes jeweils ein dicker Schreibtisch mit unbequem aussehendem Stuhl dahinter, Bücherregale an den Wänden und wahllos verstreute Manuskript- und Papierstapel; alle Fenster waren verhängt. Ich blieb vor einer Tür stehen und studierte das Namensschild. Dr. Adolf Schaar-Wenzel, las ich, und mir wurde wieder ganz anders. Auf einmal hatte ich Angst und auch Heimweh, und eine Hoffnung stieg in mir hoch, die wehtat wie der alltägliche Sehnsuchtsschmerz.

Das ist die größte Pflaume hier, sagte Amalfo-Crossi und deutete auf das Namensschild. Bist du der neue Vorsitzende?
Wenn sie mich nehmen, sagte ich, aber in diesem Muffkabuff möchte ich eigentlich gar nicht arbeiten.
Du sollst ja nicht arbeiten, sondern nur sitzen, vorsitzen. Und die nehmen dich, das kannst du mir glauben. Ich jedenfalls würde dich nehmen, wenn ich eine Stiftung wär.
Danke, sagte ich, das zu hören ist wichtig und tut unendlich gut. Am Ende des Flurs ging linker Hand eine teppichbelegte Treppe ab.
Da oben wohn ich, sagte Amalfo-Crossi, und da kriegt mich keiner weg.
Wieso, wer will dich denn weghaben?
Die Stiftung. Der gehört meine Wohnung, und sie klagt jetzt auf Eigenbedarf.
Ich werde dieser seltsamen sogenannten Stiftung die Flügel stutzen, sagte ich. Eigenbedarf, wenn ich sowas schon höre. Ein Mann wie ich kommt da zur rechten Zeit, denn ich wirke wie immer anregend und dämpfend zugleich.
Ich weiß nicht, ob du da was machen kannst. Wenn die Stiftung meine Wohnung braucht, wer könnte ihr das Gegenteil beweisen.
Die Stiftung braucht deine Wohnung nicht, sagte ich, das ruft dir hier und jetzt der zukünftige Vorsitzende zu.
Hoffentlich bleibt dein Ruf nicht ungehört. Wenn du erst mal hier bist, mußt du mich besuchen.
Jeden Tag, sagte ich, jeden Tag steige ich dir unters Dach.

Wir standen vor einer großen Tür, die zur Hälfte von einem bräun­lichen Vorhang bedeckt wurde. Dieser kackfarbene Riesenstoffhänger kommt raus, sagte ich. Wir werden ihn im Garten verwenden.
In den Garten kommen wir jetzt, sagte Amalfo-Crossi. Das ist der mit Abstand schönste Teil des gesamten Anwesens und nur den wenigsten bekannt.

Die Tür führte ins Freie, und wir standen auf einer Terrasse, zu der sich ein Garten hochzog, ein wilder Garten, mit Sonnenblumen, ge­beugten Bäumen, grünen Nischen, mit hohem Gras und einem kreisrunden Tümpel. Eine milchweiße Helle lag über allem, müde Vögel zwitscherten und nahbei tuschelten Stimmen, so als sei irgendwo zwischen den Bäumen eine Verschwörung emeritierter Gärtner im Gange. Von der Terrasse aus sah man über den Garten hinweg in ein mir unbekanntes Land; auf einmal war die Sicht klar wie nie, der Dunst hatte sich verzogen, was für ein Streifenlicht, und ich sah ein Tal; kleine bucklige Waldkuppen, wie eingedrückt daliegende Kahlflächen, dahinter in unmittelbar zureichender Ferne die hohen schwarzen Berge und zur Rechten, ganz vorne, zugeschoben auf die letzte Baumgruppe des Gartens, ein Hügel.

Das ist ja toll hier, sagte ich, warum hat mir denn nie einer was davon erzählt, daß es diesen Garten gibt; dieses Land dahinter. Wenn man die Fassade kennt, glaubt man gar nicht, daß hinter dem Jesuitenschlößchen eine solche Traumstatt liegt; angefügt und zugeschoben aus einer andren Welt.

(S. 62–67)

Otto A. Böhmer: Das Jesuitenschlößchen. Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort und Autorengespräch von Arnold Maxwill. Bielefeld: Aisthesis 2014. (= Bücher der Nyland Stiftung, Köln; Nyland Literatur Bd. 10)
ISBN 978-3-8498-1078-8,
233 Seiten, kart. EUR 12,80

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