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Rezension international

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Nicht nur auf unserem Hausblog widmeten wir uns der zweisprachigen Publikation Verabredungen | Afspraken von Katharina Bauer, Thomas Kade, Ralf Thenior und Ellen Widmaier. Auch im Mai/Juni-Heft (38. Jg.) des Magazins POËZIEKRANT, „POETRY INTERNATIONAL“ Special (Gent/BE) wurde dem Band, der – parallel zur Veröffentlichung in der Reihe roterfadenlyrik Edition Haus Nottbeck – auch in den Niederlanden bei Literair Productiehuis Wintertuin, Nijmegen erschienen ist, Aufmerksamkeit geschenkt. Auszüge aus der Rezension werden wir hier nach und nach in Übersetzung veröffentlichen.

Die Widerhaken des Alltäglichen

von Erik de Smedt

afspraken

Deutsche Dichterinnen und Dichter, übersetzt von niederländischen

Wer könnte ein Gedicht besser übersetzen als ein Dichter?“, fragte Bianca Boer bei der Buchpräsentation einer vom Literair Productiehuis Wintertuin betreuten Ausgabe. Das klang wie eine rhetorische Frage, als ob jeder diese These unterschreiben würde. Vier deutsche und vier niederländischsprachige Dichter trafen sich im heißen Monat August 2012 im Städtchen Oelde im Hinterland des Ruhrgebiets zu einem Übersetzungswochenende und übersetzten in Duos gegenseitig ihre Gedichte.

Die deutsche Übersetzung der niederländischsprachigen Gedichte erschien bereits 2012. Nun erschien die ebenfalls zweisprachige Ausgabe „Verabredungen/Afspraken“ mit jeweils 15 Gedichten von Katharina Bauer, Thomas Kade, Ralf Thenior und Ellen Widmaier. Ihre Übersetzer sind in der entsprechenden Reihenfolge Bianca Boer, Els Moors, Tsead Bruinja und Menno Wigman.

Die vier deutschen Dichterinnen und Dichter leben im Ruhrgebiet, publizieren in der Reihe „Roterfadenlyrik“ und treten zusammen auf mit Poesie-Performances. Von einer Gruppe kann jedoch nicht die Rede sein. Allerdings kann man sie als Anhänger der „Neuen Subjektivität“ bezeichnen. Diese Strömung ließ die stark metaphorische, hermetische und zum Schweigen tendierende deutschsprachige Lyrik der 70er Jahre wieder einen festen Grund finden, stellte sich aber gleichzeitig gegen die stark politisierende und engagierte Poesie der zweiten Hälfte der 60er Jahre. (Selbst)Beobachtung und Erfahrungen des alltäglichen Lebens waren beliebte Themen. Die „Neue Innerlichkeit“, wie diese Richtung auch genannt wird, arbeitete mit einem zugänglichen Tagebuchstil, häufig auch im Parlando gesprochener Sprache, Sprechgesang …

[…]

Ellen Widmaier (1945):

[…]

Sie bewegt sich in unterschiedlichen Gattungen, hat auch experimentelle Filme gemacht und ist die reifste, vielseitigste Dichterin von den vieren. Ihre Poesie erreicht eine Synthese der Lyrik des hohen Tons (Celan, Bachmann), von dem man sich in den 70er Jahren absetzte, und jenem nüchternen, realistischen Stil, der das Alltägliche rehabilitierte, aber es zugleich auch dekonstruierte. Widmaier zieht die Bilanz eines Lebens, erinnert an Höhepunkte und Tiefpunkte in Erziehung (Jugend), Arbeit und Beziehungen.

Op de galeien zingt de wind / ik sla toe / roeien makt vrij /elke slag / een slag en de lucht / elke nacht / tegen de klippen op / elke nacht / was ik eens / een nietsvermoedende vrouw“ („Achter mij het labyrint“)

Auf den Galeeren singt der Wind / ich schlage zu / Rudern macht frei / jeder Schlag / ein Schlag ins Wasser / jede Nacht / gegen die Wand / jede Nacht / war ich einmal / eine ahnungslose Frau.“ (Hinter mir das Labyrinth)

Widmaiers Gedichte sind mal lyrisch (aber kritisch), mal satirisch, zärtlich und streitbar feministisch oder mit Intertextualität spielend. So lässt sie in der „Ballade van een arme anonyma op een dichter“ (Ballade der armen N. N. auf einen Dichter) eine der Bertolt Brecht hörigen Frauen, die von ihm „sex for text“ bekommen, zurückschreiben. Das Bittere eines geschärften Bewusstseins – von Adorno einmal unerbittlich als „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ in Worte gefasst – relativiert sie in der Regel mit Selbstspott, so wie in der letzten Strophe von „Landruil“ (Landwechsel):

„Ik steek een bloem in mijn haar,
Frida Kahlo maar dan blond,
vanavond tel ik mijn rimpels.
Doe toch niet zo belachelijk, fluit de merel,
Frida telde haar littekens, niet haar rimpels.“

„Ich stecke mir eine Blüte ins Haar,
Frida Kahlo in Blond,
heute Abend zähle ich meine Falten.
Mach dich nicht lächerlich, flötet die Amsel,
Frida hat Narben gezählt, keine Falten.“

(aus dem Niederländischen)

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