Autoren, Porträt

Peter Hille. Bohemian Superstar

Bohème ist en vogue. Es scheint, als setze die als alternativlos betriebene Kapitalisierung der Lebensverhältnisse  wieder Sehnsüchte nach einer anderen, richtigen, wahren Existenz frei. Das Versprechen vom richtigen, im – noch – falschen Leben verkörperten unzählige Bohème-Generationen seit der frühen Moderne. Zum Beispiel auch die amerikanische Beat-Generation, die gerade eine Wiederentdeckung erfährt: Jack Kerouacs klassisches literarisches Roadmovie „On the Road“ verlegte der Rowohlt Verlag in einem groß beworbenen  „Directors Cut“ neu und Allen Ginsberg wurde zum Helden des Biopic „Howl“. Der richtige Zeitpunkt also, um –  back to roots, quasi –  an den wahren König aller Bohèmiens, an den westfälischen Autor Peter Hille, himself, zu erinnern. Im folgenden daher eine kleiner bohemistischer, ganz unliterarischer Leistungsvergleich, der fünf Gründe auflistet, warum man sich 2011 statt Ginsberg und Kerouac noch einmal mit dem „heiligen“ Dichter Peter Hille beschäftigen sollte:

Holy Beard: Der Bartfrage kam unter spezifischen historischen Bohème-Bedingungen ein nicht zu unterschätzender Credibility-Faktor zu. Im direkten Vergleich der obig abgebildeten Bartgesichter Ginsberg und Hille erscheint mir – zugegebenermaßen ganz subjektiv – Hilles Haar-und Barttracht irgendwie heiliger. Die Urteile der Zeitgenossen über  Hilles Haartracht und Gesamterscheinungsbild  untermauern mein diesbezügliches Bauchgefühl aber nachdrücklich. Der Schriftsteller Ludwig W. Abels zeigte sich derart fasziniert von Hilles geradezu außerirdischer Bohème-Erscheinung, dass er schrieb: „Schon in der ersten Zeit meines Berliner Aufenthaltes, in den Herbstmonaten 1893, war mir im Gewühl – besonders in der Potsdamerstraße – ein bärtiger Mann in ‚härenem Gewande‘ aufgefallen, der stets ernst nachdenklich, mit halbgeschlossenen Augen, zweifellos nach innen gerichteten Augen mitten durch die hastende geschäftige oder prominierende Masse steuerte, mit der instinktiven scheuen Sicherheit einer Fledermaus.“ Und Stefan Zweig schrieb beeindruckt: „Inmitten dieser jungen Menschen, die sich bewußt als Bohème gebärdeten, saß rührend wie ein Weihnachtsmann ein alter, graubärtiger Mann, von allen respektiert und geliebt, weil ein wirklicher Dichter und wirklicher Bohèmien : Peter Hille.“

Schreibstil: Kerouac hackte seine „On the Road“-Texte auf eine zwanzig Meter lange Papierrolle. Eine unkonventionelle, manische, an Actionpainting erinnernde Form des Schreibens, deren hoher Bohème-Faktor nicht geleugnet werden soll. An Hilles kreative Praxis reicht Kerouac dennoch nicht heran: Der schrieb nämlich nicht nur auf allen erdenklichen Materialien und an den ungewöhnlichsten Orten, sondern hortete und transportierte seine Manuskripte in – für literarische Verhältnisse –  merkwürdigen Behältnissen, in Leinensäcken nämlich, mit denen er dann durch London, Paris, Amsterdam und Berlin stromerte. Manchmal vergaß er seine Manuskriptsäcke in seinen Dichterstuben oder verpfändete sie gegen Mietschulden. Die Düsseldorfer Künstlerin Theresia Schüllner hat sich für eine Installation, die im Museums für Westfälische Literatur zu sehen ist, von einem Hille’schen Manuskripte-Sack inspirieren lassen.

Erfolg: Während Ginsberg und Kerouac schon bald zu gefragten Größen der Literaturgeschichte aufstiegen, Mainstream wurden, blieb Hille zeitlebens ein  Undergroundkünstler. Seine Verehrer-Schar war dafür erlesen: Else Lasker Schüler sprach ihn heilig, widmete ihm Gedichte und Zeichnungen und verfasste sogar eine Hagiographie über ihn. Ein bisschen pathetisch jubilierte sie darin über ihn: „Oder wenn sich in einer Deiner wunderbaren Naturstimmungen Dein all-erfülltes Ich offenbart, wie in der ‚Waldesstimme’. – Halt, die muss hier folgen! Ich muss sie noch einmal vor mir sehen: Wie deine grüngoldnen Augen funkeln, Wald, du moosiger Träumer! … Muss ich Dich denn nicht lieben, Peter Hille.“ Der Naturalist Detlev Liliencron – um nur ein weiteres Beispiel zu nennen – verfiel keinem derartig juvenilen Liebesrausch, sondern Muttergefühlen: er  bildete  ein ganzes Korrespondentennetzwerk mit den berühmtesten Künstlern der Zeit, welches einzig der Sorge um den „armen“ Peter Hille gewidmet war. Wegen Hilles „Sohlenlosigkeit“ erklärt er sich zum Volksverächter und „vaterlandslosen Gesellen“: „Weißt Du, daß ich einen Haß auf mein Volk habe jetzt, Peter Hille, der geistvollste Dichter der Jetztzeit stirbt zur Zeit aus Hunger und weil er keine Sohlen mehr hat; sich erkältet deshalb, Blut spukt; und sein Volk, ja dieses Skat- und Biervolk läßt ihn höhnisch sterben. I Gitt, i Gitt, i Gitt.“

Vagabundieren: Kerouac und Ginsberg trampten quer durch Amerika, durchquerten Texas, Kalifornien, die Wüste und hausten in düsteren Appartments in Downtown Manhattan. Das ist  durchaus abenteuerlich zu nennen, reicht aber an Hilles Trampertum bei weiten nicht heran. Denn der heilige Peter vagubundierte nicht nur zu Fuß quer durch Europa, sondern er kraxelte einmal mitsamt seinem Manuskripte-Sack im Schneesturm über den Gotthard Pass und stürzte ab: „Auf Gotthard dem Tode nahe. Glitt von Schneebank ab, tessinwärts reißend, Nacht, ohne Stock, über Paßhöhe hinaus, italienisch, schlug meine Hände in den Schnee (das war bei […?…]) hielt meinen Fall auf, wühlte mit blutenden Händen die Löcher so tief, dass ich mich hineinheben und hineintreten konnte. Gotthardnacht öde, schaurig, großartig. Laut von Wassern, forstgrüne Blöcke, kalte Gewitter, wässrige Sterne.“  Ein andermal  übernachtete er wochenlang im Berliner Tiergarten, weil er – ja das stimmt wirklich – seine Berliner Abstiege nicht mehr wiedergefunden, verloren habe, wie Liliencron mütterlich verzweifelt mitteilt.

Lesungen: Die Howl-Lesung ist zweifellos legendär und erinnert soundmäßig ein bisschen an die schlimmste Stelle im „Exorzisten“. Aber die Howl-Lesung fand nur einmal statt. Hille hingegen trat mit seinem Berliner Hille-Kabarett im Hinterzimmer eines italienischen Weinlokal regelmäßig auf und verlas seine mitgebrachten Manuskriptschnitzel so wirr-konfus, das keiner der Anwesenden verstand, warum es in ihnen eigentlich ging. Das Kabarett wurde trotzdem zu einem großen Erfolg. Zweig notierte: „Gerne ließ er sich … von unserem Drängen verleiten, aus seiner Rocktasche ganz zerknüllte Manuskripte hervorzuholen und seine Gedichte vorzulesen. Er schrieb sie in der Straßenbahn oder im Café mit Bleistift hin, vergaß sie dann und hatte Mühe, beim Vorlesen in den verwischten Zettel die Worte zu finden.“ Der andere große deutsche Bohèmien, Erich Mühsam  – und der muss es ja wissen –, schrieb: „Ich liebe Dich, Peter Hille, weil Du der Duzfreund des Erdgeistes bist, das Musterkind des Himmels und der Weltseele, der wandelnde Anachronismus unsrer Tage; und weil Du uns den ‚Sohn des Platonikers’ geschenkt hast und ‚Williams Abendröte’ und die vielen prächtigen Gedichte und Skizzen und Aphorismen, und das Cabaret ‚zum Peter Hille’ bei Dalbelli in der Königin Augusta-Strasse, wo es den guten italienischen Wein giebt für billiges Geld, und wenn begüterte Freunde da sind, sogar umsonst.“

Staatsfeindlichkeit: Dem Misstrauen  der rechtschaffenen Bürger war der Bohèmien von Anfang an ausgesetzt. Dem ihm eigenen antibürgerlichen Lebensstil verdankt er seinen, den fahrenden böhmischen Zigeunern nachempfundenen Namen. Ginsberg wurde wegen Obszönität verklagt und war zeitlebens den staatlichen Sittenwächtern ein Dorn im Auge. Hille wurde über mehrere Wochen von Spitzeln der Berliner Geheimpolizei beschattet, die ihn auf seinen irrwegigen Spaziergängen durch Berlin verfolgten und dem Polizeipräsidenten Rapporte lieferten, deren ereignislos kafkaeske Nonsensehaftigkeit die Vorlage für Paul Austers selbstreferentielle detektivische Komplotts in  „New York Trilogie“ abgeliefert haben könnte. Ein Beispiel: „Bericht im Geheimen Staatsarchiv des Königl. Polizei-Präsidii betr. den Schriftsteller Peter Hille: „Nach einem ½ stündigen Aufenthalt hier verließ er auch dieses Haus, jedoch ohne Koffer, durchkreuzte dann anscheinend ziel-und planlos den größten Teil der Straßen Schönebergs, sowie mehrere Straßen Berlins.“ Irgendwann stellten die Polizeispitzel die Beschattung entnervt ein: „P. Hille sei „Unverdächtig“.  

Steffen Stadthaus

Wer mehr über Hille erfahren möchte, dem sei ein Besuch im Museum für Westfälische Literatur, in dem neben Büchern und Manuskripten u.a. die Hille-Installation von Theresia Schüllner zu sehen ist. Empfohlen seien auch die folgenden Hille-Bücher der LWL-Literaturkommission, aus denen das obige Hille-Bohème-Argument gestrickt worden ist:

Nils Rottschäfer: Peter Hille (1854-1904). Eine Chronik zu Leben und Werk. Bielefeld: Aisthesis 2010.

Peter Hille. Sämtliche Briefe. Kommentierte Ausgabe. Herausgegeben und bearbeitet von Walter Gödden und Nils Rottschäfer. Bielefeld: Aisthesis 2010.

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