TAGEBUCHTAGE, Was läuft?

TAGEBUCHTAGE – Tag 1

Sozialpalast_Haus Nottbeck

Lang ersehnt und herbeigefiebert: Freitag, der 13. Juni, Eröffnungstag des auf zwei Tage angelegten Tagebuchfestivals auf dem Kulturgut Haus Nottbeck – endlich! Vortragende Künstler, Musiker, Schauspieler, Autoren und Besucher trudelten bei bestem Festivalwetter ein und machten es sich auf dem idyllisch in Ostwestfalen gelegenem Landsitz gemütlich.

Ein skurril anmutendes Vorhaben beschäftigt diesen Freitag und Samstag die Anwesenden auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde. Auf dem Landsitz werden Tagebücher teilweise bereits verstorbener Persönlichkeiten – allesamt auf ihre jeweilige spezielle Art und Weise Ikonen des 20. und 21. Jahrhunderts – neu inszeniert, vertont, bearbeitet, dargestellt. Tagebücher als „Inspiration gelebter Zeit anderer“ heißt es im Veranstaltungsflyer. Das Tagebuch, das Intimität versprechende Medium, das durch seine Publikation in Buchform diese Grenze bereits überschreitet und über die Maße öffentlich und zugänglich wird, erfährt in diesen Tagen nun eine weitere kreative (Grenz-)Überschreitung, als Ausgangspunkt für ganz eigene Zugänge und Interpretationen der jeweiligen adaptierenden Künstler und Künstlerinnen.

Thomas Hoeveler, Mitbegründer des Kleinewelttheaters, brachte Jack Kerouacs Einträge in mehrfach medialisierter Spielart auf die Bühne. Ein-Mann-Schauspiel, Synthesizer-Electro-Klänge und Video-Einspieler verwoben sich zu einem ganz eigenen Zugang zu diesem Helden der Beat-Generation.

Tagebuchtage: CÄTHE – Else Laser-Schüler

CÄTHE ließ es dann eher konventionell angehen und wechselte zwischen dem Vortrag von Lyrik Else Lasker-Schülers und eigenen Songs. Nach den Liedern noch außer Atem, las sie die Zeilen mit einer halb zerbrechlichen und zugleich rauchigen Alt-Stimme und hauchte so den Versen Laser-Schülers eine fast körperliche Lebendigkeit ein. Die Diskrepanz zwischen aufgekratzten Songs und sprachlich fokussierten Gedichten war dann vielleicht auch ein Grund, warum es die Zuhörer so brav in den Stuhlreihen hielt, rief dieses Konzert doch eigentlich, trotz seiner Intimität, zum Tanz auf.

Vielleicht ist das jedoch (zum Teil) diese eigentümliche Zurückhaltung, welche den Westfalen gemeinhin zugesprochen wird, die auch der Autor und Tagebuchbeauftragte des Festivals Martin Becker zu spüren bekam, der zwischen den Bühnenprogrammen las. Denn wirklich nah heran wagte sich wohl niemand, als er, wegen der Fußballübertragung vertrieben aus dem im Hof aufgebauten Sozialpalast – ein Traum von einem mit Sofas, Sesseln, Teppichen, Lampen, Fernsehern und Radios bestückten Oma und Opa-Wohnzimmer – im Campingwagen las. Ein Abstand von mindestens 5 Metern schien der Zuschauerschaft angemessen. Martin Becker stellte schon vor dem eigentlichen Tagebuchfestival dem Hausblog Nottbeck seine Tagebuchaufzeichnungen (März bis Juni) zur Verfügung (nachzulesen hier, hier und hier). Ein Tagebuch, das er erst auf Anregung dieses Festivals hin begonnen hatte. Ein „echtes“ Tagebuch, wenn man so will, voller intimer Eingeständnisse, Erlebnisse, Selbstzweifeln, aber auch wiederum ein Text, fiktiv, gestaltet, performativ. Die Ambivalenz bringt Becker dann auch gerade durch seine Lesung zur Geltung, wenn er zwischendrin auch immer wieder (selbst-)ironische Einschübe anbringt: [O-Ton-Tagebuch] „Andy sagt: Die ganze Zeit fragt man sich, ob Martin gerade wieder Angst hat oder nicht,“ korrigiert sich dann zu „Andy hat in Wirklichkeit gesagt…du gehst mir tierisch auf die Nerven“. Das Tagebuch ist eben auch ein bewusster Schreibakt, der zwar mehr oder weniger unmittelbar autobiographisches Erleben zu dokumentieren scheint, dieses zugleich jedoch wieder in Literatur überführt, verändert und gestaltet. Und vielleicht bleibt gerade deswegen die Distanz während der Pausenlesung gewahrt, denn wer weiß, vielleicht wird man sonst noch Teil dieses performativen Tagebuchs.

MESSER liefern schließlich dem experimentellsten Auftritt des Abends. Die Zuhörer sahen sich einem Höllenritt durch das Tagebuch Romy Schneiders ausgesetzt, unglaublich laut und unglaublich wütend: der Text – gesprochen, gerufen, gesungen von Hendrik Otremba – und die akustische Klangperformance von Gitarre, zwei Schlagzeugen und Bass, hinterlegt mit dem stumm auf schwarzen Vorhang projizierten Romy Schneider Film „Nachtleben“ (1975). Eine so ausgefeilte Darstellung, die gerade durch ihre Präzision eine Unmittelbarkeit erlangt, die das Publikum erstmal aushalten musste. So hat Romy Schneider wohl noch niemand gelesen.

Heute beginnt das Tagebuchfestival um 18:30 Uhr. Barbara Morgenstern widmet sich Sylvia Plath, das Tim Isfort Quartett und Tom Liwa setzen sich mit Laura Naukkarinen auseinander und Gisbert zu Knyphausen & Band und Naema Faika mit Kurt Cobain.

Sylvia Kokot

Tageskarte: 24,-/22,- Euro

Kulturgut Haus Nottbeck
Museum für Westfälische Literatur
Landrat-Predeick-Allee 1
59302 Oelde/Stromberg

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