Autoren, TAGEBUCHTAGE, Was läuft?

IM BAHNHOF GEWESEN. GEWEINT.

Ein Tagebuch (6–20)

Martin Becker

6. Sinnkrisenhausen (26.05.2014)

Das Erwartbare ist eingetreten, ich bin verloren im Tagebuchsein. Nicht in der Lage, nicht diszipliniert genug, um täglich Notizen zu machen. Dafür zu zweifelnd an dem, was ich hier mache: Ein öffentliches Tagebuch, dessen Inhalt ich von Vornherein für belanglos halte, weil ich gerade und derzeit meinen Belang (gibt es das Wort?) eigentlich ständig in Frage stelle – wem soll das also was bringen, diese melancholische und viel zu ausschweifende Nabelschau? Kurz und gut, herzlich willkommen in Sinnkrisenhausen.

Fassen wir mal zusammen: Ein Tagebuchbeauftragter, der sich, in Amerika sitzend, ständig selbst bejammert, ein Tagebuchbeauftragter, der zu viel säuft und dadurch noch viel weniger zur Arbeit kommt, ein Tagebuchbeauftragter, der sich selbst das Wort auf dem Papier nicht mehr glaubt, ein Tagebuchbeauftragter mit Glaubenskrise, ein Tagebuchbeauftragter ohne Tagebuch.

Weil das Ganze aber doch irgendwie weitergehen muss (noch schlimmer als Jammerei ist nämlich das Scheitern), treffe ich drakonische Entscheidungen, nämlich: Alles muss kürzer werden, viel kürzer (denn so spannend sind MBs Abenteuer in Amerika nun auch nicht, um damit jeden Tag das Dokument zu füllen). Die Jammerei wird gestrichen (andere Leute haben wahre Jammergründe, ich nicht). Und, ganz wichtig (ich höre das enttäuschte Seufzen bei den Mitlesern), das Tagebuch wird erst dann veröffentlicht, wenn ich wieder deutschen Boden betreten habe. Das nimmt dem Ganzen doch von Vornherein das Schwere, das führt dazu, dass ich mich nicht ständig dauerhaft selbst zensiere und unter Druck setze, weil ich immer den nächsten Tag, die nächste Veröffentlichung vor Augen habe.

Also, Tagebuch, versuchen wir es nochmals. Try again. Fail again. Fail better.

7. Erinnerungen (26.05.2014)

Heute ist Memorial Day. Amerika feiert. Fiebrige Aufregung auf den Straßen. Fahnenmeere. Großfamilien veranstalten immense Grillfeste im Prospect Park, wo wir lange sitzen und einem Vater und einem Sohn beim Baseball zusehen. Faszinierte Europäer schauen stolzen Amerikanern zu. Man wird zu so einem Klischee hier, jeden Tag mehr. Später gehe ich allein zurück zur Bahn, weil es mir in der Sonne zu warm wird. Im Zickzack zurück, erst nach Manhattan, dann zurück nach Bushwick, wo ich wohne. Gutes Unterwegssein. Vorfreude auf den Abend, an dem ich trinken werde. Denn ich trinke. Denn ich warte. Das ist gerade die Phase. Ich trinke und ich warte, auf eine Sensation, auf eine Rettung, auf etwas, das mich an die Grenze bringt. Das mich fordert. Das so stark ist, dass ich die alten Zöpfe gewissermaßen abschneiden kann. So bin ich ja immer. Immer weiter und weiter. Über die eigenen Ertragensgrenzen und über die der anderen Leute. Maßlosigkeit, ständige Maßlosigkeit. Das Leben in den Adern fühlen wollen. Wie eine Sucht. Je me souviens.

8. Public Library (27.05.2014)

Diese Woche werde ich an die Arbeit gehen. Ein Radiofeature muss geschrieben werden, ich schiebe es seit Monaten vor mir her. „Flugangst“ heißt das Stück, es geht um meine Ängste beim Fliegen und um die junge Generation. In Wahrheit natürlich um Lady Rosebud und mich und Generationenkonflikte und Unverbindlichkeiten und die Frage, wie lange man braucht, um sich das Scheitern einer sturköpfigen Liebe einzugestehen. Die „New York Public Library“ an der 5th Avenue ist ein fantastischer Ort. Großer Lesesaal. Archaische Gefühle. Knarzendes Holz der Tische. Gemischtes Publikum. Die Arbeit geht voran. Drauße trinke ich Kaffee und mache einen langen Hals in Richtung der Wolkenkratzer. Keine Kulisse. Ich passe mein Schritttempo langsam dem der Einheimischen an. Von ordentlich schnell zu richtig schnell also. Ich schimpfe leise, wenn der M-Train mal wieder auf sich warten lässt. Manchmal rede ich sogar im Untergrund leise vor mich hin, auch, wenn ich das schon nach einem Satz bemerke. Langsam kommt man an.

9. Wie das Wetter (28.05.2014)

Die ständigen Stimmungsschwankungen (die meinen Mitreisenden furchtbar auf die Nerven gehen müssen) passen auf eigenartige Weise in diese Stadt. Selten habe ich innerhalb von Minuten die schmutzigsten und trübsten, schönsten und atemberaubendsten Ecken gesehen. Skyline und Müllhaufen. Weinende Menschen und glückliche Verrückte. Der große Lesesaal der Bibliothek ist gesperrt, in der Nacht ist ein Stück vom Stuck von der Decke gefallen. Ich mache ein Foto vom kleinen und fensterlosen Raum, in dem ich jetzt arbeite, ich schicke es Lady Rosebud, und wir tauschen einige Nachrichten aus, die wieder am Wesentlichen vorbei gehen. Mitten in Manhattan, mitten im Hauptquartier des Lärms.

10. Tolstoi (29.05.2014)

Zufällig entdecke ich in den gesammelten Stories von Tennessee Williams eine unfassbare Geschichte, die ich in der U-Bahn lese und mit der ich nicht mehr aufhören kann.

„Something by Tolstoi“, so heißt sie.

Der junge Besitzer eines Buchladens liebt seine ebenfalls junge Frau über alles. Er verehrt sie ganz und gar. Und sie liebt ihn auch. Aber doch zieht es sie fort, und er kann sie nicht halten. Es reicht ihr nicht, dieses Leben im schattigen Buchladen. Ihre Sehnsucht ist zu groß. Eines Tages bricht sie aus, sie packt ihre Sachen und schließt sich einer Vaudeville-Tanztruppe an, die nach Europa geht. Ihr Mann, der junge Ladenbesitzer, kann ihr noch gerade den Zweitschlüssel zum Laden übergeben, sagt, er würde für immer auf sie warten. Für immer. Dann geht sie weg. Und er bleibt allein mit seiner Liebe zurück.

Und der Ladenbesitzer wird wunderlich. Und die Frau bleibt weg. Und der Ladenbesitzer wird noch wunderlicher und sitzt nur noch da und schläft kaum noch und redet nicht mehr und liest und liest und liest den ganzen Tag. Fünfzehn Jahre lang geht das so.

Und dann, an einem Abend, kehrt die Frau zu ihm zurück. Er scheint sie nicht zu erkennen, fragt, welches Buch sie denn suche. Sie glaubt an ein Spiel, sie begreift nicht, dass der arme Kerl offenbar den Verstand verloren hat oder eiskalt geworden ist oder beides zur gleichen Zeit. Schließlich erzählt sie ihm ihre eigene Geschichte: Von einem jungen Ladenbesitzer und seiner jungen Frau. Dann erzählt sie ihm, dass die Frau glaubte, dies Leben würde ihr nicht reichen, dass sie jahrelang unterwegs war bis zu diesem Abend fünfzehn Jahre später. Und so weiter.

Der Ladenbesitzer aber verharrt vollkommen ausdruckslos, starrt seine einst so geliebte Frau nur an und sagt schließlich: Klingt wie etwas von Tolstoi.

Am Ende bleibt er ertaubt und fühllos wie zuvor zurück, sie flieht erschrocken aus dem schattigen Laden.

Komik ist Tragik in Spiegelschrift.

11. Am Fluss (30.05.2014)

Ich werde langsam ein Angstprofi, und ich bin stolz darauf. Ich laufe über den Brooklyner Broadway (der gemeinhin und an manchen Ecken noch als kantige Gegend gilt) und schaue mich nicht mehr um in jeder Sekunde. Tag und Nacht laufe ich jetzt durch die Stadt und fühle mich nicht mehr panisch. Auch nicht in Dunkelheit. Ich sitze zum Beispiel am Abend am East River und schaue den aufglimmenden Lichtern von Manhattan zu. Einige Minuten stehe ich am Geländer. Flugzeuge über mir. Tausende von Fenstern, ebenso viele Leute, die ihr Leben leben, deren Leben jetzt in den Abend übergeht. Gefühle von Zugehörigkeit. Obwohl ich manchmal so über die Menschen schimpfe (der Tagebuchbeauftragte hat ja ein Nervenkostüm aus Seidenpapier und fühlt sich viel zu rasch angegriffen), so fühle ich mich ihnen in manchen Momenten wie diesem ganz und gar zugehörig, fühle ich mich ihrem Charme erlegen, der in erster Linie aus reinem Existieren resultiert. East River-Romantik. Bekenntnisse eines Angstlosen. Auch schön, einfach mal nur euphorisch zu sein.

12. Wanderungen (31.05.2014)

Ein herrliches, ein warmes Wochenende. Ich weiß auch nicht, im Grunde war es auch in den letzten Tagen schon so warm, aber etwas ist anders. Irgendwas. Aus dem Frühling ist ein Sommer geworden. Man sieht ein anderes Funkeln in den Augen der Leute auf der Straße. Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Denn funkelt man selbst, dann funkeln die Entgegenkommenden zurück.

Bei „Strand“ gewesen, dem vollkommen zurecht legendärsten Buchladen von ganz Manhattan. Kunden balancieren auf Leitern, um an die Bücher in den bis an die Decke ragenden Regalen zu kommen. Ich suche nach möglichst leichtgewichtigen Ausgaben der Stücke von Tennessee Williams und finde sie. Eigentlich wollte ich kaum Bücher mitbringen, mit leichtem Gepäck kommen und mit leichtem Gepäck gehen. Beim nächsten Mal bestimmt.

Die Arbeit stockt übrigens enorm, ich komme mit der „Flugangst“ nicht vorwärts. Eine Pause ist nötig, das wird mir hier mehr und mehr klar. Gerade kann ich sie mir nicht erlauben, aber so bald wie möglich. Ich habe so viele Radiostücke gemacht in den letzten Jahren und in zunehmender Frequenz, ich glaube mir selbst meine Euphorie nicht mehr. Und da ich nie zu den Leuten gehören wollte, die Sachen nur durchziehen, brauche ich eine Auszeit. Und wenn diese ganze Reise hier im Endeffekt keine großartigen Fortschritte bringen sollte, diese Erkenntnis ist doch schon was wert. Außerdem habe ich ja auch einen neuen Roman zu schreiben, und ich will Verlag und Agent nicht wieder um Jahre vertrösten.

13. Puerto Rico (01.06.2014)

Jetzt sind unsere Nachbarn an der Reihe. Puerto Rico feiert, und wie. Eine Riesenparade zieht durch unser Viertel, Motorräder, Autos, Tanzgruppen. Auch im Nachhinein wird nicht ganz klar, warum ausgerechnet an diesem Sonntag und warum ausgerechnet so – es ist großartig. Sie jubeln und singen und winken. Karibische Freude, unverstellt. Plötzlich die Idee, auf einen der Paradewagen zu springen und ganz wüst zu karibischer Musik zu tanzen. Es bleibt bei der Idee, andere sind besser in Tanz und Ausgelassenheit, meine ich, denke ich, weiß ich.

14. Beach Boys (01.06.2014)

Und plötzlich meldet sich Eva, mit der ich Zigaretten geteilt habe vor der Bar, wir erinnern uns. Ich ging ja damals davon aus, dass wir nichts mehr voneinander hören (was nicht schlimm gewesen wäre), aber plötzlich also meldet sie sich, sie habe vergessen, mir von ihrer Irlandreise zu erzählen, sie sei nicht erreichbar gewesen, ganz ohne Internet, aber jetzt also, ob ich nicht gleich ins East Village kommen wolle, spontan, bevor wir uns gar nicht mehr sehen, und so weiter.

Sonnentrunken von der Parade der Puerto-Ricaner fahre ich also los. Sonnentrunken sitzen wir kurze Zeit später auf dem Dach von Evas Haus. Skyline und langsam schwindendes Licht. Ein Sixpack Bier und Zigaretten. Gespräche ohne großartigen Anlauf, das Wunderbarste am Dasein: Dass da immer Leute sind, die man schon lange zu kennen glaubt, obwohl die Tatsachen eine andere Sprache sprechen. Ich fürchte mich nicht mehr, sage ich irgendwann, und das will was heißen, bei meiner Angst vor der Höhe. Immer, wenn die Sonne verschwindet, sagt Eva irgendwann, dann kommt die Traurigkeit.

Später in der Wohnung rupfen wir wahllos Schallplatten aus dem Regal und rauchen zu wahllos guter Musik. Dann kommen irgendwann die Beach Boys. Dann tanzen wir im Flur der Wohnung, die bald geräumt sein muss. Vergessen wir die Zeit. Vergessen wir die Stunden. Wir holen noch mehr Bier und drehen noch mehr Zigaretten. Sere pes. Vergessen wir die Tatsache des Sonntagabends. Vergessen wir doch einfach mal alles, was uns ängstigt. Ich war noch nie auf dem Dach eines Hauses, nicht so. Ich habe noch nie selbstvergessen im Flur getanzt, nicht so.

15. Klaukatzen (02.06.2014)

Vollkommen übermüdet und verkatert im Central Park. Schlafwandlerisch schöner Morgen. Und ja, der Sommer lässt sich nicht mehr aufhalten. Die bemerkenswerteste Tatsache ist, dass mein Smartphone verschwunden ist. Es ist irgendwo im East Village geblieben, irgendwo zwischen Dach und Tanzflur. Mein Verdacht und die einzig schlüssige Erklärung ist, dass Evas Katze es mir geklaut oder es weggeschleppt hat, dass sie es im unbeobachteten Moment in einer Katzenritze versteckt hat. Gut auf meinen Besuch zu sprechen war sie ja eh nicht, so sind sie, die Katzen. Was soll man machen, ich trage den Verlust mit Fassung, es ist ja eine Geschichte, wie man sie kaum erfinden kann: Ausgerechnet das ungeliebte Smartphone, das ich an dem Tag kaufte, als Lady Rosebud wegfuhr, ausgerechnet dieses blöde Ding, das ich nie wirklich wollte, verschwindet ein Vierteljahr später spurlos und ist nicht mehr auffindbar. Soll wohl so sein.

16. Der Reverend (02.06.2014)

Von den vielen Konzerten und Musikern, die ich hier gesehen habe (viel mehr als in Leipzig, im Schnitt mindestens zwei Bands pro Woche!), beeindruckt mich nichts so sehr wie die Show vom Reverend. Der Reverend ist der Reverend, anders kann man das nicht sagen. Relativ am Anfang meiner Reise habe ich ihn auf der Bühne gesehen: Reverend Vince Anderson. Seit anderthalb Jahrzehnten spielt der Mann jeden Montag ohne Eintritt mit seinem „love choir“, und es ist ein unglaubliches Erlebnis. Angeblich (so findet man es im Netz) wollte der Reverend wirklich mal Reverend werden, ist sogar ordiniert. Und tatsächlich predigt er auf der Bühne, und er singt und er tanzt bis zum Umfallen – man kann es kaum in Worte fassen, ein kollektiver Rausch, ein zelebriertes Zusammensein. Jemand, der wirklich was zu sagen hat, jemand, der die Leute vor der Bühne nicht unterhält, sondern sie mit einer Überwältigung in die Nacht entlässt. Es bräuchte viel mehr Reverend Vince Andersons, dann wäre die Welt – wenigstens für zwei, drei Stunden an jedem Montag – doch deutlich sorgloser und liebevoller.

17. Alltag (03.06.2014)

Und da ereilt sie mich nun also, die Angst vor der Rückkehr. Und alles ist wie immer: Zuerst fürchte ich mich an einem neuen Ort und sehne mich zurück (in die Heimat, in die Vertrautheit, in die alten und vergangenen Dinge), dann kippt es irgendwann um und ich will nicht mehr gehen. Wäsche waschen im Waschsalon. Den Bäcker grüßen wie einen alten Bekannten. Handschlag in der Stammkneipe. Gespräche mit einem sehr vertrauten Bettler, der die ganze Nacht vor dieser einen Kneipe ausharrt und ganz gut im Geschäft ist – seine Idee, mit mir nach Deutschland zu kommen, sein Lachen darüber. Und immer noch stockt die Arbeit. Und immer noch gibt es da die Rückschläge, die alten Zustände, die schlimmen Schübe von Melancholie, die simple Erkenntnis, dass ich meine letzten Monate in vollkommener Starre verschwendet und versoffen habe. Aber der Neuanfang liegt in der Luft. Und vielleicht gehört die Angst vor der Rückkehr dazu. Sollte ich New York bald wiedersehen (was so sein wird, das steht fest), dann werde ich schon in eine Art Alltag kommen, in einen eingebildeten oder – zumindest für mich – in Ansätzen existierenden, und das beruhigt mich wiederum fast. Und was auch beruhigend ist: dass man wirklich immer anders zurückkehrt von einer Reise. Dass ich so ganz anders zurückkehren werde von dieser Reise.

18. Only Lovers Left Alive (05.06.2014)

Sogar das klappt noch: Meinen Lieblingsfilm des Jahres in einem amerikanischen Kino zu sehen. Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ ist ja gar kein Vampirfilm, sondern ein Plädoyer für das leidenschaftliche Leben. Vielleicht sogar, Interpretation des Tagebuchbeauftragten, für das maßlose Leben. Hätte ich mein Smartphone noch gehabt, dann wäre ich mit der Musik des Films im Ohr noch eine Weile durch Brooklyn gelaufen, lächelnd und verloren, aber im Guten Sinne verloren, selbstverloren nämlich.

19. Carlos (06.06.2014)

Carlos aus der Bronx hat es gemacht. Er hat für mich getan, was ich so sehr gewollt habe. Meine erste Tätowierung habe ich mir vor vier Jahren stechen lassen, ein Flugzeug auf dem rechten Arm, das war nach meiner ersten Reise nach New York, das war, nachdem ich den Flug überstanden hatte, das war, nachdem die düstere Zeit in meinem Leben (die anderthalb Jahre nach dem Tod meines Vaters) vorbei war, nachdem ich wieder zu Atem kam. Auf das Flugzeug folgte ein Skorpion, auf den Skorpion folgte ein simpler Satz, und seitdem wusste ich nicht genau, was kommen würde. Aber ich ahnte vor meiner Reise, dass Brooklyn der richtige Ort zur richtigen Zeit sein würde.

Kürzen wir es ab: Carlos hat mir vier Wölfe auf den rechten Unterarm tätowiert, eigentlich eine Bewegungsstudie, aber für mich ist es ein kleines Rudel. Ich bin unglaublich stolz darauf. Ich habe lange überlegt, ob es ein Weglaufen oder ein Hinstreben ist, aber eigentlich ist das doch egal. Eine neue Tätowierung nach drei Jahren. Und jede Tätowierung kam immer mit einem Wendepunkt im Leben. Und so bin ich gerade wie meine Wölfe auf dem Arm: On the run. Nach hier oder dort.

20. Nächster Halt (11.06.2014)

Jetzt sitze ich also hier in dem Café, in dem ich vor einigen Wochen mit den Notizen angefangen habe. Und alles liest sich wie Unfertiges, wie Halbgares. Aber kann es anders sein bei einem Tagebuch, ist das alles nicht schon viel zu geschliffen, viel zu gedacht, viel zu geplant?

Man weiß ja hinterher immer erst, was passiert ist. Man kann ja hinterher erst sagen, was ein Monat mit dir gemacht hat. Viel später. Trotzdem reicht es für ein kleines Resümee: Ein Monat hier ist viel zu wenig Zeit. Meine Ängste der ersten Tage kommen mir lächerlich vor, ja, ich habe sie irgendwo in der U-Bahn vergessen, beispielsweise. Was nicht heißt, dass ich mich nicht an sie erinnere. Smartphones sind überschätzt und man fühlt sich leichter, wenn man einfach mal nicht erreichbar ist. Die schweren Träume verschwinden irgendwann, auch, wenn man selbst nicht mehr damit rechnet. Mein Konto ist überzogen, ich werde einige Rechnungen im Briefkasten haben und habe nach Amerika jetzt viel Arbeit, sehr viel Arbeit, wie gesagt, die letzten Monate waren voll. Aber ich muss zurück, und ich freue mich darauf. Die Wölfe auf meinem Arm sehnen sich so langsam dann doch danach, zu erfahren, wie es da drüben in Europa eigentlich aussieht. Und ich weiß, was ich verlange von diesem Europa, von diesem kommenden Sommer: Ich will weiter auf Dächern sitzen und noch mehr Schallplatten aus Regalen rupfen.

Übrigens sollte ich gestern schon im Flugzeug sein. Wegen der europäischen Unwetter ist der Flug allerdings gestrichen worden. Noch ein geschenkter Tag in Amerika also. Mit unendlichem Jetlag werde ich morgen zurück nach Leipzig kommen. Und mit jenem Jetlag und den Erinnerungen an diesen Monat im Gepäck fahre ich dann zu den Tagebuchtagen. Und dort können Sie, verehrte Leser, dann zumindest teilweise den Wahrheitsgehalt dieser seltsamen Skizzen prüfen. Denn ich komme mit Tieren im Gepäck. Ob ich will oder nicht.

Schön war es. Wild war es. Intensiv war es. In diesem Sinne: Machen wir weiter so, nur woanders. Nächster Halt: Tagebuchtage.

Martin Becker

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