Bücher, Entdeckung

Richtung Norden

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Eine „Zeitschrift für Gegenwartsliteratur“ auf neuen Wegen

Am 23. Mai 2014 war es so weit. Die neue Ausgabe vom Richtungsding wurde in der Zeche Carl in Essen released. Natürlich fulminant, wie sich das gehört, mit Lesung und anschließender Party.

Das ist soweit nichts Neues, neu war hingegen diesmal die Ausrichtung des Heftes. Denn zum ersten Mal wurde ein Heftthema gestellt, zu dem Gegenwartsautoren ihre Texte einsenden konnten. „Norden“. Und dann geschah das, womit wohl niemand aus dem sechsköpfigen Team gerechnet hat: Es gab über 300 Einsendungen. Die mussten natürlich gesichtet, sortiert und bewertet werden. Eine Top 24, die Auswahl, die sich nun auch im Heft findet, wurde dann nochmals einer Jury vorgelegt, die diejenigen Texte auswählte, die am Release-Abend von ihren Autoren vorgetragen wurden und somit die Chance hatten, den begehrten Publikumspreis zu erringen.

Gewonnen hat übrigens Tobias Steinfeld mit der Erzählung Ans Meer: Eine gekonnte Mischung aus präzise gesetzten Pointen in einer nostalgisch anmutenden Kindheits- und Adoleszens-Erinnerung, die es aber durch genaue Beobachtung und gekonnten Sprachwitz schafft, nicht in den Kitsch abzudriften. Und das konnte Steinfeld auch im Vortrag zur Geltung bringen. Mein Favoritenvortrag war Der Nerz von Dagny Riegel. Eine skurrile Geschichte über eine eisig fröstelnde junge Frau, die sich erst durch die Symbiose mit einem Nerz erwärmen kann. Eine wunderbar vorgetragene Hybridgeschichte, in der es bis auf die gefühlte innere Kälte keine weiteren Eindeutigkeiten und Sicherheiten zu geben scheint. Weitere Vortragende waren Jonis Hartmann („Miniaturzyklus in Moll“), Lukas Vering („Leerzeilen“), Sybil Volks („Leuchtfeuer“) und Katharina Weißbach-Hempel („Dorthin, wo es keine Schrumpköpfe gibt“).

Auch neu ist der abgewandelte Titel des Heftes. In der letzten Ausgabe noch „Zeitschrift für junge Gegenwartsliteratur“, wurde nun mit Heft VII das „jung“ gestrichen und es ist nun die „Zeitschrift für Gegenwartsliteratur“. In dieser Entscheidung wurde einer Diskussion Raum gegeben, mit der sich auch das „Festival für junge Gegenwartsliteratur“ in Hildesheim, Prosanova, auseinander setzen musste. So fragte Hannah Lühmann in der Zeit denn auch „was genau damit gemeint ist, wo dieses ‚jung‘ anfängt, wo es aufhört und ob das nicht eigentlich etwas ganz Schreckliches ist, junge deutschsprachige Literatur“. Was bei Lühmann aber vor allem auf eine Kritik der Abhängigkeit der Schreibschüler von Zuwendungen, Stipendien etc. abzielt, scheint beim Richtungsding weitaus programmatischer und (im positiven Sinn) bodenständiger gedacht zu sein. Denn wenn früher das Wort „Jung-Autor“ eben eine Kombination aus Alter mit einer gewissen Jungfräulichkeit im Literaturbetrieb kolportierte, dann ist es nur konsequent, in Zeiten ungerader Lebensentwürfe und Lebensläufe auch die „Jung-Autoren“ mitzudenken, die erst spät zum Schreiben kommen. Das Attribut „jung“ im Titel provoziert eben konsequent die Frage danach, wo hört denn das Jung-Sein auf? Mit 29 oder erst mit 39? Und ganz ehrlich, Schreib-Profis sind viele der Beiträger im neuen Richtungsding. Einige haben ihr Debüt schon bei großen Verlagen untergebracht, Preisträger für Prosa oder Drama sind unter ihnen, es wird vielfach regelmäßig für Zeitschriften oder auch mal fürs TV geschrieben.

Und damit der Nachschub an guten Texten nicht ausgeht, haben sich die Macher vom Richtungsding nun auch die Jugendförderung auf die Fahnen geschrieben. Unter dem Motto „Mach DEIN Richtungsding“ können sich 13 bis 18-jährige Nachwuchsautoren mit Texten bewerben. Die Autoren der besten Einsendungen werden im Herbst zu einem mehrtägigen professionell begleiteten Workshop eingeladen und die Ergebnisse als Beilage zum nächsten Heft (Richtungsding VIII) am 8. November präsentiert.

Sylvia Kokot

Richtungsding. Zeitschrift für Gegenwartsliteratur. VII
Themenheft „Norden“
143 Seiten
ISSN 2192-4082

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