Autoren, TAGEBUCHTAGE, Was läuft?

IM BAHNHOF GEWESEN. GEWEINT.

Ein Tagebuch (3–5)

3. Enten (18.05.2014)

Eva und ich sitzen auf einer Treppe, es ist spät geworden. Sie wollte schon um Mitternacht nach Hause, aber wir sitzen immer noch in der Brooklyner Nacht (die in der Tat einen bemerkenswerten Mond anzubieten hat) und reden über Dinge, über die man normalerweise nicht nach kurzer Bekanntschaft redet. Tote Väter, große und kleine Ängste, die Frage, was der Unterschied zwischen „lonely“ und „alone“ ist. Wir rauchen eine Zigarette nach der anderen, wir sitzen auf der Treppe neben der Bar namens „Duck Duck“, und meine Panik hat sich für eine gewisse Zeit gänzlich verabschiedet. Jetzt bin ich also wirklich hier.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mich jemand an der Bar angesprochen hat. Bist Du aus Schweden, welches Bier kann man trinken, so was eben. Eva hat Film studiert und danach für eine Produktionsfirma gearbeitet, die die große Krise nicht überstanden hat. Jetzt kümmert sie sich in einer Beratungsstelle um Suizidgefährdete und leidet unter den steigenden Mieten. Ich vermute, dass sie diese Zeilen niemals lesen wird, ich vermute, dass unser Zusammentreffen auf diesen einen Abend in der Entenbar beschränkt bleiben wird, trotzdem muss es aufgeschrieben, muss er beschrieben werden, der Moment, in dem man das Gefühl hat, dass alles gut ist, dass man irgendwo angekommen ist.

Auf der anderen Seite ist da natürlich die alte Welt (ein Glück und ein Pech zugleich!), im wahrsten Sinne des Wortes, und sie lässt mir keine Ruhe. Sie kommt zu mir jede Nacht im Traum. Es geht – der aufmerksame Leser des bisherigen Tagebuchs wird es erraten können – natürlich um Lady Rosebud. Das Erstaunliche ist, dass ich seit meiner Ankunft in Brooklyn wirklich jede Nacht von ihr träume. Es ist ein in Variationen wiederkehrender und im Grunde vollkommen unspektakulärer Traum, der seine Schärfe erst durch den Augenblick des Aufwachens erhält:

Ich spreche mit Lady Rosebud, manchmal sind wir in derselben Stadt (manchmal sogar im selben Raum), manchmal nicht – wir planen unser Wiedersehen, was mitunter wirklich bizarr ist, besonders eben, wenn wir uns im gleichen Zimmer befinden. Etwas stört ständig, ich muss Dinge suchen oder ein neuer Verehrer aus Mayotte (!) singt ihr im Minutentakt volkstümliche Lieder auf den Anrufbeantworter.

Und immer schaffen wir es nicht, unser Wiedersehen zu organisieren, mal hat sich ihr Vater als Besuch angekündigt, dann wiederum bringen wir das Gespräch gar nicht erst auf den Punkt – das Schlimmste aber sind die Träume, in denen Lady Rosebud ihren Besuch ankündigt und bereits losgefahren ist, bereits unterwegs ist, im Grunde schon vor meiner Tür steht. Regelmäßig träume ich davon, und dann wache ich mit dieser ungewissen Euphorie in der Kehle auf – und merke, dass ich auf der anderen Seite vom Atlantik bin, dass da kein Besuch zu erwarten ist.

Bisher hatte ich nur eine einzige Traumserie, und auch sie begann sinnigerweise in der Zeit des Zusammenseins mit Lady Rosebud – fast zwei Jahre lang träumte ich mindestens jede Woche ein Mal davon, dass ich kurz vor der Abiturprüfung stehe (obwohl ich auch im Traum weiß, dass ich über 30 bin und längst meine Reifeprüfung abgelegt habe), ich weiß aber auch, dass ich vergessen habe, alle nötigen Kurse in Biologie zu belegen. Und niemandem ist es aufgefallen. Ich weiß, dass es nichts geben kann als das Scheitern, da hilft auch kein guter Wille von keiner Seite.

Meine Biologielehrer sind oftmals Rundfunkredakteure, für die ich im wachen Zustand arbeite – und ich denke über Strategien nach, wie ich sie zu Vereinbarungen bewegen kann, zu Zugeständnissen, zu Hilfestellungen, die mir mein Abitur doch noch ermöglichen.

Da sind Brooklyner Nächte mit einigermaßen besoffenem Kopf doch schon ein Schritt zur Besserung, wenn das müde Hirn gar keine andere Chance hat, als die Träume zugunsten einer veritablen Ausnüchterung zu verdrängen.

Please, Mr. Freud, Mr. Freud, dance, dance, Mr. Freud, dance!

 

4. Der Interessantmacher (19.05.2014)

Das Phänomen des Hipsters ist mittlerweile ziemlich durch – so viel ist über ihn geschrieben, so viel ist über ihn gesprochen worden. Der Hipster will cooler sein als der Rest, er ist ein ausgesprochener Egomane, und, so kann man durchaus unterstellen, ein mitunter recht dumpfer Zeitgenosse. Natürlich, Hipster ist nicht gleich Hipster, Klischees sind nicht immer wahr. Trotzdem ist Brooklyn immer noch einer der besten Orte der Welt zur Hipsterbeobachtung.

Gestern beim Frühstück lief ein Exemplar an uns vorbei, und das einzig besondere Merkmal an ihm war sein Haustier: Er führte einen Ozelot an der Leine. Ja, einen Ozelot. Ein Raubtier. Das Tier sah furchtbar unglücklich aus und hat sich offenbar noch nicht an sein verordnetes Hipsterleben gewöhnt – der Ozelothalter hingegen stolzierte extra langsam an den Passanten vorbei und wartete, ja, wartete darauf, auf sein Tier angesprochen zu werden.

Seitdem denke ich nicht so sehr über den Hipster als solchen nach (wie gesagt, alles gesagt), sondern vielmehr über seine Ozelotmotive. Und stelle dabei fest, dass sie mir im Grunde meines Herzens gar nicht so fremd sind.

Der Hipster mit dem Ozelot will sich interessant machen. Er will anders sein. Und auch, wenn ich seine Art und Weise des Interessantmachens in diesem Fall für ausgesprochen abstoßend halte, im Grunde ist mir der Mechanismus doch nur allzu bekannt.

Der Interessantmacher. So würde Thomas Bernhard heute vielleicht eins seiner Stücke nennen. Und ich weiche jetzt nicht ins übliche „Wir“ aus („Wir machen uns interessant, weil …“, „Wir wollen spannend sein, denn …“, „Wenn wir uns abgrenzen wollen, dann nur, um …“), ich spreche allein von mir, denn sonst wäre das hier kein Tagebuch, sondern ein Konglomerat aus unvollendeten Essays.

Ich mache mich interessant, wenn ich neue Leute treffe, und ich bin mir im Moment des Interessantmachens genau dessen auch sehr bewusst. Sehr nahestehende Leute haben mir das sogar mal vorgeworfen: Immer in der Nische sein, immer anders sein zu wollen.

In ganz schwachen Momenten denke ich mitunter sogar, dass diese ganze Schriftstellerei aus dem Impuls dieses Andersseins, dieses Abgrenzens entstanden ist. Um nicht ganz so schwach zu sein, vielleicht. Und da kommt der Kafka tatsächlich um die Ecke, an dessen Tagebucheintrag kurz vor seinem Tod ich bei diesem Thema oft denken muss:

„Und was Du willst, hilft nur unmerklich wenig. Mehr als Trost ist: Auch Du hast Waffen.“

Darf man also diese Stärke ausspielen, die verbale Fertigkeit, die unbändige Aufmerksamkeit für das Gegenüber, die kalkulierte Bescheidenheit beim Berichten darüber, was man tut („Ich arbeite ein bisschen fürs Radio und nebenbei schreibe ich auch ein bisschen.“)? Ist es nicht von Vornherein ein falsches Spiel, ist das nicht die narzisstische Störung par excellence, wenn man seinem eigenen Verfertigen des Interessantmachens beim Reden zusieht?

Sicher, solche Gedanken kommen mir immer dann, wenn es um mein eigenes Selbstbewusstsein gerade nicht so gut bestellt ist. Wenn es um das eigene Interessantmachen folgerichtig auch gerade nicht so gut bestellt ist.

Vielleicht widme ich dieser ganzen Interessantmacherei auch gerade einfach zu viel Aufmerksamkeit (und mache mich damit wiederum unnötig interessant), vielleicht habe ich mich gerade vollkommen verstiegen (was ja in Tagebüchern erlaubt ist, wo, wenn nicht hier), vielleicht ist das alles auch gar nicht so schlimm, besonders, wenn man hinreichend Erfahrung damit hat, dass die Halbwertszeit des eigenen Interessantmachertums bei jeder Begegnung aufs Neue sehr begrenzt ist.

Kennt man sich besser, kennt man sich nur gut genug, dann kann man sich eh nicht mehr hinter dem Mäuerchen aus bravourös dargebotener Interessantmacherei verstecken.

Dann ist man genau so ein ohnmächtiges Würstchen wie jeder andere auch, dann ist man mitunter genau so peinlich wie ein Brooklyner Hipster, der von seinem Ozelot an der Leine herumgeführt wird.

 

5. Tennessee (19.05.2014)

Gestern habe ich in einem Antiquariat in Williamsburg ein zum Aufenthalt passendes Buch entdeckt: „Collected Stories“ von Tennessee Williams. Vor dem Einschlafen habe ich nur die Vorbemerkung von Williams selbst lesen können. Eine aufwühlende Abrechnung mit seinem schweigenden, schwierigen, saufenden Vater. Mich wiederum hat das Ganze so aufgewühlt, dass ich mit Kopfweh aufwachte. Vielleicht waren auch einfach nur die Nasennebenhöhlen in Verbindung mit den ewigen Klimaanlagen schuld. Die Väterabrechnung jedenfalls, die ist am Ende gar keine mehr. Sondern eine Liebeserklärung. Und man hat einen Kloß im Hals beim Lesen der letzten Zeilen:

„Aunt Ella is gone now, too, but while I was in Knoxville for Dad’s funeral, she showed me a newspaper photograph of him outside a movie house where a film of mine, ,Baby Doll‘, was being shown. Along with the photograph of my father was his comment on the picture. What he said was: ,I think it’s a very fine picture and I’m proud of my son.‘“

Martin Becker

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