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Ein Tagebuch (2)

2. Angst und Bange am Stück (17.05.2014)

Andy sagt: Ja, es ist tatsächlich so, als müsse man eine pflegebedürftige Person betreuen. Andy sagt: Die ganze Zeit fragt man sich, ob Martin gerade wieder Angst hat oder nicht. Andy sagt: Du bist wie diese Ziegenart (Anmerkung: Es handelt sich dabei um die sogenannte Myotonic Goat oder Fainting Goat), die bei Gefahr einfach erstarrt und stürzt. Du könntest sogar immer schon umfallen, wenn uns im Dunkeln jemand überholt.

Reisen mit mir sind also kein Vergnügen, Abendveranstaltungen mit mir sind kein Vergnügen, vielleicht ist gar nichts mit mir ein Vergnügen (selbstmitleidiger Einwurf, muss nicht stimmen).

Die offizielle Variante zur Begründung meiner ständigen Angst ist, dass ich letztes Jahr in Rio de Janeiro in einem Linienbus zur Mittagszeit im Zentrum der Stadt mit einem Messer (diesen Satz können meine Freunde mittlerweile im Schlaf mitsprechen) überfallen worden, dass ich seitdem beständig auf Flucht eingestellt bin, weil ich Dinge eben nicht wegstecke, weil mein Angstgedächtnis so nachhaltig funktioniert wie bei Hunden und Wellensittichen. Andererseits: Wenn ich ein Wellensittich wäre, dann würde ich ja jeden Tag vor Schreck tot von der Stange fallen (was mich wiederum panisch werden lässt, weil es mich an mein Hypochondertum und meine Angst vor Krankheiten erinnert).

In Wahrheit (inoffizielle Variante für beständige Nachfrager) war ich nie anders. Als Kind hatte ich Angst vor Einbrechern und vor Geräuschen in der Heizung, als Jugendlicher hatte ich Angst vor dem Sauerländer Wald und vor unserer Waschküche, und egal, in welchem Alter, in welchem Dorf und in welcher Stadt: Wenn die Nacht da ist, dann bin ich wie ein Soldat im Gefecht, dann drehe ich mich ständig um und fürchte jeden Passanten, jeden Schatten, jede lärmende Katze. Dann ist da die Ohnmacht, dann ist da das Gefühl, mal nicht alles unter Kontrolle zu haben, und vielleicht ist das ja der Nährboden, auf dem Angst und Bange herrlich wachsen und gedeihen.

Fakt ist, dem Angsthasen geht es gerade ganz gut. Spaziergänge tagsüber durch Brooklyn lassen den Puls etwas höher schlagen und sind kleine Siege, nächtliche Ausflüge mit unversehrter Rückkehr (wie denn bitte auch sonst?) sind ein großer Triumph.

Selten war ich in letzter Zeit so euphorisiert wie vergangene Woche, als ich zuerst ein tolles Konzert im Union Pool sah (unter anderem spielten die „Candy Boys“, eine selbsternannte Boyband, die auf zweideutige Art nur und ausschließlich über Süßigkeiten singt und dessen traurigster und dramatischster Moment in der Bühnenshow derjenige ist, in welchem der „Candy Shop“ geschlossen hat) und dann nach mehreren Bieren durch die nächtlichen Straßen von Williamsburg nach Hause lief (ich gebe es zu, von meinem Betreuer Andy gestützt).

Die ersten Leute sind getroffen, die ersten vollen U-Bahnen bezwungen, die ersten Regenspaziergänge unternommen, Bagels und Burger sind gegessen und es gibt davon noch so viel in nächster Zeit. Ja, ich bin zwischendurch sogar sehr glücklich.

Ich merke, wie es mit Tag für Tag besser geht (ohne Rumjammerei, die letzten Wochen in Deutschland waren einfach müde, nutzlos, verschwendet), und das wiederum ist ein herrliches, ein erhebendes Gefühl.

Gerade rauchte ich vor dem Café, in dem ich gerade schreibe, eine Zigarette – und da war das, was man nicht erzwingen und nicht künstlich herstellen kann, so sehr man es mitunter auch herbeisehnt: Ich wollte singend über die Straße laufen, voller Euphorie, Euphorie darüber, genau jetzt genau das alles erleben zu dürfen, genau hier zu sein in diesem Moment, auch, wenn wir jetzt endgültig im Kitsch angelangt sind. Aber so ist das eben manchmal mit Tagebüchern.

Außerdem hat auch die schreckhafteste Ziege mal ein Stück vom Entspannungskuchen verdient. Schiefes Bild, sollte man korrigieren. Aber warum eigentlich?

In diesem Sinne:

Schönen Wochenanfang!

P.S.: Was man gelesen haben muss: Allen Ginsberg, Wichita Vortex Sutra. Ein Gedicht für alle Ängstlichen. Danach geht es sogar besser!

Martin Becker

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