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Angekommen

Martin Becker 4

Der Tagebuchbeauftragte legt los (1)

Noch rund vier Wochen, dann ist es soweit. Erstmals findet – unter Kurator Tom Liwa – am 13. und 14. Juni auf dem Kulturgut Nottbeck ein Tagebuch-Festival statt. Renommierte Künstler wie Gisbert zu Knyphausen, Barbara Morgenstern, Cäthe, Tim Isfort, Tom Liwa, Thomas Hoeveler und die Band Messer widmen sich namhaften Tagebuchautoren der Vergangenheit (Jack Kerouac, Else Lasker-Schüler, Romy Schneider, Sylvia Plath, Laura Naukkarinen, Kurt Cobain) und lassen hieraus Neues entstehen – Literatur, Performance, Musik, Theater, Tanz, Kunst. Martin Becker, freier Autor und Kritiker, wird vor Ort sein und beide Tagebuchtage für die Medien und diesen Blog dokumentieren. Gewissermaßen als warm up beginnen seine Aufzeichnungen schon jetzt, während eines New-York-Trips, den Martin Becker gerade angetreten hat. Als Nottbeck-Korrespondent wird er uns regelmäßig hierüber berichten. Hier sein Premieren-Beitrag. (Walter Gödden)

 

Martin Becker

IM BAHNHOF GEWESEN. GEWEINT.

Ein Tagebuch

  „Die Gleichgültigkeit einüben.“
Ilse Aichinger, „Kleist Moos Fasane“ (1972)

Eröffnungsrede des Tagebuchbeauftragten (14.05.2014)

Wertes Publikum,
Kafka hat es getan (zitieren wir ihn nicht, es ist nur so erhebend, wenn das erste Wort einer neuen Arbeit „Kafka“ ist), Beckett hat es getan, Aichinger hat es getan. Wo Beckett, da muss kein Becker sein. Denke ich, meine ich, glaube ich, und fange nun also dieses Tagebuch an mit der Gewissheit, dass ich damit nun wirklich nichts zum Lauf der Welt beitragen kann.

Ich bin kein Tagebuchschreiber. Aus mindestens fünf Gründen. Erstens, weil mir die Disziplin fehlt, ganz und gar. Selbst eine halbe Stunde am Tag ist illusorisch, denn ich bin ein Zeitverschwender, ein Chaot erster Güte, ein komplett Asozialer mir selbst gegenüber. Ich vergeude Zeit und Geld, ich versurfe meine Jahre, ich verschwende den Luxus des sogenannten „freien Lebens“ für nichts und wieder nichts. Außerdem bin ich (zweitens) viel zu ausschweifend für knackwurstige Zeilen, die sich im Laufe einer Zigarette weglesen lassen. Drittens, ich kann schriftstellernde Tagebuchschreiber und schriftstellernde Blogger nicht leiden (außer Wolfgang Herrndorf, bis zum allerletzten Wort), ergo mag ich diese Art der Selbstbespiegelung auch nicht, obwohl ich alles in allem sehr narzisstisch bin (vgl. „Kindheit im Sauerland“ ff.). Viertens, mir passiert nichts Aufregendes. Fünftens, ich habe das noch nie gemacht, und ich bin ja – Selbstbespiegelung – von Ängsten, Neurosen und Phobien zersetzt, dazu mein saftiger Pessimismus, kurz und gut, ich bin davon überzeugt, dass das alles hier nichts wird, nichts werden kann.

Da das hier ja nun die Eröffnungsrede des Tagebuchbeauftragten ist, muss ich mich dennoch bei den hohen Herren der Akademie für das Vertrauen bedanken, außerdem von Herzen auch bei meinem Kumpel Andy Gädt, der mein Diary mit vorzüglichen und hintersinnigen Malimalibildern bereichern wird.

Erwarten Sie nichts, Sie werden dennoch enttäuscht sein. Es geht los. Hurra.

Was bisher geschah (14.05.2014)

Ich wusste damals schon, dass es zwei Voraussetzungen gibt: Es muss radikal sein und es muss ehrlich sein.

Radikal und ehrlich also war auch der erste Eintrag meines Tagebuchs, aufgeschrieben am 6. März 2014. Ich bin über Wochen nicht über ihn hinausgekommen, was ihm natürlich ein unbotmäßiges Gewicht verlieh, dass eine Verwurstung zum Gesamttitel dieses Projekts geradezu zwangsläufig wurde:

„Im Bahnhof gewesen. Geweint.“

Tatsächlich hatte ich am 6. März 2014 jemanden zum Bahnhof gebracht, zum allerletzten Mal in dieser Form: Nennen wir diesen Jemand einfach „Lady Rosebud“, das macht das Schreiben darüber einfacher. Es handelt sich bei Lady Rosebud ganz einfach und unspektakulär um einen Menschen aus Fleisch und Blut, um den Menschen, den ich ganz einfach und unspektakulär liebte.

Lady Rosebud und ich haben uns im Januar schon offiziell getrennt, danach allerdings noch zwei wechselseitige Besuche unternommen. Und dann brachte ich Lady Rosebud also zum Bahnhof, half ihr mit den Taschen und Koffern, sprach ihr und mir und uns beiden Mut zu, machte sogar einen Witz, dann schlossen sich die Türen dieses verdammten Zuges und niemand hielt ihn auf.

Und es war nicht zu verhindern, da konnte man den Kopf drehen und wenden (innerlich wie äußerlich), da war nichts zu machen, ich stand am Gleis und heulte, ich heulte wie ein Schlosshund.

Danach ging ich in einen Elektrofachmarkt und kaufte mir ein teures Blackberry, damit ich am Abend was zu tun haben würde. Aderlässe sind eine feine Angelegenheit. Ich wollte das Telefon eigentlich zu keiner Zeit wirklich haben.

In den Wochen danach habe ich wenig klare Gedanken fassen und noch weniger davon aufschreiben können, ich habe Bier und Schnaps getrunken und nur zwischendurch die Leichtigkeit verspürt, die man für Anfänge braucht. Rückblickend kann ich also nur auf einige Momente hinweisen, in denen ich dachte, dass es jetzt an der Zeit wäre für den Beginn meines Tagebuchs. Gelegenheiten, die ich aber verpasst habe, nämlich:

– Am Tag nach der Abreise von Lady Rosebud war ich unterwegs zu einer Lesung nach München. Das einzig Spektakuläre unterwegs war, dass ich in der Spiegelung des Zugfensters ein langes Nasenhaar entdeckte, welches ich mit einem Ruck ausriss. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir ein Nasenhaar ausgerissen habe.

– Irgendwann später kam ich auf die Idee, Kontrabass zu lernen – was ich im Augenblick auch tue. Lady Rosebud und ich hatten bei einem Konzert einen exzellenten Kontrabassisten gesehen, den ich dafür bewunderte, dass er zwei Stunden lang mit seinem Instrument kämpfte, damit und dagegen. Jetzt habe ich einen Kontrabass, ein Modell für Kinder, das mich dennoch bei Weitem überragt. Erster Eintrag des Tagebuchs: Wie ich mit dem Kontrabass anfing. Das wären mindestens acht von zehn Punkten gewesen. Smarter Jungautor mit Humor. Hat er gut gemacht. Nein, hat er nicht. Chance vertan.

– Vor einigen Wochen ging ich schlecht gelaunt in den Discounter in der Nähe meiner Wohnung, um mir Backcamembert zu kaufen. Ich krankte mal wieder an Verzweiflung, und dann kaufte ich mir dort einen Strauß Schnittblumen. Und zwar ganz für mich allein. Auch das war eine Premiere für mich. Sich selbst Blumen zu schenken, ich möchte fast sagen, zu verordnen. Ich riss in der Küche die Folie von ihnen, stopfte sie in eine Vase. Ich machte mir meinen Backcamembert, sah den Blumen beim Erblühen zu und legte mich zum Mittagsschlaf ins Bett.

Das ist also bisher geschehen, und jetzt fange ich wirklich an. Jetzt kann ich die Katze aus dem Sack lassen, denn mein wahrer Tagebuchanfang erhebt mich per se schon in den Hundehimmel der megacoolen und angesagten Jungautoren, ich fange dieses Tagebuch nämlich nicht an, während ich vor meinem ungespülten Geschirr sitze und mich von morgens bis abends nach Lady Rosebud verzehre, ich schreibe diese Zeilen hier gerade:

In. Brooklyn. In. Den. Vereinigten. Staaten. Von. Amerika.

Nur, damit Ihr es wisst.

1. Echter Anfang (14.05.2014)

Ich sitze in einem Café in Brooklyn in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ich bin für einen Monat hier. Es ist so ein Versuch des Neuanfangs, des Luftholens, des Kräftewiederfindens, denn die letzten Wochen vor der Abreise waren trist. „Im Arsch is‘ finster“, wie es mein geliebter Illustrator Andy Gädt gern sagt.

Jetzt also Brooklyn, und das trotz meiner panischen Angst vor Metropolen.

Ich mochte die Amis ja schon beim ersten Mal, 2010 war das. Ich komme mit der überbordenden Höflichkeit ausgesprochen gut zurecht, weil ich mich in ihr wiederfinde: Ich selbst bin auch ständig überbordend höflich, was mich im Übrigen aber nicht automatisch zu einem wirklich netten Menschen macht, das ist soziale Anpassung, Angst vorm Auffallen, das ist sicher auch eine kleine Selbstverliebtheit und ebenso sicher eine Art von Gefallsucht.

Die ersten zwei Tage in der Stadt sind nicht so hochneurotisch verlaufen wie erwartet. Ich bin relativ angstfrei durch die Straßen unseres Viertels gelaufen (East Williamsburg an der Grenze zu Bushwick), und sogar Lady Rosebud (mit der ich oft telefoniere und schreibe) war in meinem Namen ganz und gar aufgeregt, obwohl ich immer dachte, sie hat für Amerika nicht so viel übrig. Was Quatsch ist, wie sich jetzt zeigt.

Heute Abend werden meine Mitreisenden und ich (als da wären: Andy, der geliebte Illustrator, und Tabea, die beste Freundin) erstmals zu einem Konzert aufbrechen, ich selbst habe es vorgeschlagen und bin sehr aufgeregt:

Einerseits aus Vorfreude und kindlichem Stolz („Ich bin in Brooklyn und gehe auf ein Konzert!“), andererseits aus Angst. Es wird der erste Ausflug spät am Abend sein, wenn es draußen dunkel ist – und spät am Abend ist mit mir nichts anzufangen, weil ich panisch und ängstlich und ohnmächtig bin wie ein von Jägern umzingeltes Häschen. Warum und weshalb das so ist, das erzähle ich lieber in den nächsten Tagen mal, immerhin habe ich bereits jetzt (sagt der Computer) fast 9.000 Zeichen gefüllt, und das ist reichlich viel für einen allerersten Tagebuchtag.

Wer bis hierher durchgehalten hat: Die nächsten Einträge werden kürzer und weniger weitschweifig. Und ich höre auch irgendwann auf mit der New-York-Angeberei, aber lasst mir meinem kleinen Herzchen noch eine Weile diesen kleinen Triumph, es ist doch so viel Kummer gewohnt (während ich mir in diesem Augenblick einen Selbstmitleidslektor wünsche, der den gesamten Text auf anderthalb Sätze herunterkürzt).

In diesem Sinne: See ya soon.

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