Bücher, Entdeckung

Ahorn Platon räumt auf

 

SimonUrban_Gondwana_Cover.indd

 … – und fällt in Janes Arme

Was ist bloß von diesem Roman zu halten? Einen Roman der alles und letztlich auch sich selbst durch den Kakao zieht. Der den Leser ebenso irritiert wie düpiert, weil Simon Urban so draufgängerisch und zügellos schreibt, als gäbe es kein Morgen. Eine Story, die zu einhundert Prozent Slapstick ist und doch vorgeblich eine Botschaft transportiert. Nämlich die, dass religiöse Orthodoxie unweigerlich ins Verderben führt. Aber muss man deshalb einen ultra-ketzerischen Detektiv-Rambo mit dem wahnwitzigen Namen „Ahorn Platon“ („Sagen Sie Platon zu mir, ich bin schließlich kein Baum“) auf ein glückseliges Eiland schicken, um dort einen Mord aufzuklären? Einen Mord, der nie und nimmer hätte passieren dürfen, weil besagte Insel Gondwana das vermeintliche Abbild religiöser Eintracht ist – der kaum für möglich gehaltener Beweis für das friedfertige Zusammenleben aller Weltreligionen.

Natürlich gründet dieses Utopia-Konzept auf einer Fiktion, ist ein Fake. Denn das zauberhafte Südseeatoll ist in Wirklichkeit ein Überwachungsstaat, der seine Bewohner (vor allem Frauen) in jedweder Form gängelt und sie gleichzeitig im Zustand künstlich-naiver Glücks-Euphorie vor sich hinvegetieren lässt. Misstöne sind nicht geduldet und nach außen dringen darf nur, was auf Erfolg getrimmt ist – der Besitz einer Fotokamera, mit der möglicherweise entlarvende Bilder geschossen werden können, steht beispielsweise unter Höchststrafe. Eine ferne, abstruse Welt also, in der der Aberwitz Schindluder treibt. So weit so gut. Doch immer wieder werden wir – Urzeiten nach Nietzsches „Gott ist tot“ – seitenlang darüber belehrt, dass Gott nun wirklich tot sei und sich jede Religion, gleich welcher Couleur, durch ihren Absolutheitsanspruch ad absurdum führe. Brauchen wir eine solche Belehrung/Bekehrung? Eine Moraldidaxe im Roman eines jungen Autors anno 2014. – Hallo?!

Und was ist das nun wieder? Plötzlich wird die Story in Form eines Comics weitererzählt. Will uns der Autor durch die kaum zu toppende (aber dadurch fast zwanghafte) Demonstration seiner Brillanz (die sich zum regelrechten Overkill auswächst) nun völlig ins Boxhorn jagen? Möchte man angesichts all dieses Quatsches das Buch nur noch in die Ecke pfeffern?

Nein, ganz und gar nicht, lautet die Antwort. Denn Urbans Prosa wartet immer wieder mit Überraschungen auf, mit irrer Situationskomik, schlagfertigen Dialogen, markigen Macho-Sprüchen (Ahorn: „Ich kann alles, was gekonnt werden muss“) und nicht zuletzt mit einer Handlung, die eben zwischen Genialität und Nerverei changiert. Dabei droht sie, in ihrer postmodernen Willfährigkeit, komplett den Boden unter den Füßen zu verlieren. Nämlich dann, wenn Ahorn eine Überdosis Psychopharmaka und dazu literweise Whiskey verkonsumiert und ein Identitätstausch stattfindet, der alle Dämme brechen lässt. Ist es Ahorn, der fortan zu uns spricht oder das hochangesehene Oberhaupt aller Weltreligionen, das sehnlichst auf der Insel erwartet wurde? Spätestens hier entpuppt sich auch die Krimihandlung als Farce. Und wenn wir hören, dass der Oberhirte aller Oberhirten selbst Drahtzieher des Mordes bzw. Selbstmordes ist (darauf kommt es nun wirklich nicht mehr an) und jener schließlich ein feinster Tarantino-Manier so wild um sich ballert, dass die Köpfe nur so durch die Gegend fliegen, kann uns das auch nicht mehr schocken, weil eh alles durcheinander geht. Bevor dann, im Finale, ein Tross superhübscher Amazonen die Weltherrschaft übernimmt und Jane ihren Tarzan, sprich Ahorn, in die Arme schließt und als Bodyguard einstellt.

Ach was, möge sich doch jeder selbst ein Urteil über dieses schräge, überdrehte, sarkastische, oft borniert-überzogene Ding von einem Roman machen, das mit einer herrlichen, fast anarchischen Fabulierlust aufwartet.

„Gondwana“ von Simon Urban (mit Comics von Ralph Niese) ist bei Schöffling & Colag erschienen. 22,95 Euro. „Godwana“ ist der zweite Roman Urbans nach seinem grandiosen Debüt „Plan D“ (2011), in dem das Szenario durchgespielt wird: Was wäre, wenn es die DDR heute noch gäbe? Eine in jeder Form überzeugende Wirklichkeitssimulation im Genre eines Agenten-Thrillers.

Walter Gödden

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben