1914

Nächte ohne Tränen

Blick in die Ausstellung (22)

 

 

August Stramm

Briefe an Nell und Herwarth Walden

30. 6. 15

Ihr Lieben Lieben. […] Urlaub gibt es nicht. Keine Möglichkeit. Und Krankheit heuchele ich nicht. Ich halte das eines deutschen Soldaten nicht für würdig. Und ein deutscher Dichter darf auch nicht fahnenflüchtig werden. Ihr kennt ja meine Auffassung. Ein Dichter kann wohl fehlen aus Triebgewalt aus Natur gegen gemacht Ordnung, das tut er sogar fast ausnahmslos. Aber nur gegen seine Natur aus unedlen kleinlichen Motiven: Der ist kein Dichter und war nie einer. So kann ich auch hier nicht heucheln. Ich würde mich beflecken. Und Sehnsucht habe ich – Sehnsucht. Ich meine Nächte ohne Tränen. Ich bin wahnsinnig einsam. Sagt jedem, der an mich schreiben will, er soll schreiben so oft und soviel er kann. Ich habe dann immer ein Band. So fühle ich mich begraben, vegetiere, viehe. Ich bin wie eine Hure, die ein Weg ins Geschäft trieb und nun nicht mehr rausfindet und stumpf und gleichgiltig alles über sich ergehen läßt. […] Die letzten Wochen waren unbeschreiblich voll Not und Tod. Schlimmer kann es nicht werden. Nur das Letzte kann noch kommen: daß man selbst dran glauben muß. Aber ich habe Vertrauen zu meinem Schicksal, zu meinem Stern. Ich halte durch

In Treue Euer August Stramm

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