1914

ekelhaft dünn grau endlos

Blick in die Ausstellung (15)

 

Gustav Sack

Brief an Paula Sack

31. XII. 1914, Nachmittag, im Graben von Hardécourt

Warum schreibst Du nicht, mein Lieb? […] nachdem es heute nacht gefroren hatte, pinkelt es jetzt wieder, so ekelhaft dünn und grau und endlos – zum Heulen traurig. Und überall stürzen die mühsam wieder ausgebesserten Grabenwände ein – Sumpf, Dreck, ein Schweinekoben. Regnet es noch lange, so wird es wieder durch unser ‚Dach‘ durchregnen, wir können dann suhlen wie die Säue. Weißt Du übrigens, daß diese Unterstände so niedrig sind, daß man, auf dem Boden sitzend, gerade noch aufrecht sitzen kann? Habe ich Dir auch schon geschrieben, daß vor unsere Stellungen schon vierzehn Tage lang ganze Reihen toter Franzosen liegen? Eben eingezogene, ganz junge, frische Bengel, vierzehn Tage in dem Dreck und Regen, kein Mensch begräbt sie, diese schwarzen, faulenden Klumpen. Heute nacht bringt uns eine Patrouille Sardinen und Konservenbüchsen mit, die man in den französischen Brotbeuteln reichlich findet. Die öffnet man dann halb seelenruhig, halb von Ekel geschüttelt, und futtert sie auf. […]

 

 

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