1914

Dieser vermaledeite Krieg

Blick in die Ausstellung (13)

Gustav Sack
Brief an Paula Sack

 

Göschenen, den 12. VIII. 1914

Mein liebes Kind,

[…] ich will über mein Leben selbst bestimmen […] weiter habe ich keine Lust, mich von übelriechenden Massensuggestionen unterkriegen zu lassen, ich habe kein Verlangen, mich dem beliebigsten Idioten gleichgestellt zu sehen als Vaterlandsverteidiger, von dessen Verteidigung Geschützfabriken und Spekulanten letzten Grundes den einzigen Vorteil haben; ich lasse mich nicht von dem beliebigsten Leutnant […] mit dem sonst, als Mensch, zu reden mir überhaupt nicht einfallen würde, als ein Stück willfähriges Fleisch behandeln, das keinen eigenen Willen mehr hat – ich bin kein Kanonenfutter! Ich würde eine Feigheit und Lüge gegen mich begehen, wenn ich für ein Vaterland, das ich nicht kenne, in den Krieg ginge, nur aus Angst, nicht als Deserteur oder Feigling zu gelten – das einzige, was mich dazu bringen könnte wären die praktischen Gesichtspunkte, aber die wiegen die anderen nicht auf. F. ist nicht Soldat gewesen und weiß nicht, was es heißt, ‚sich unterzuordnen‘, und nun gar noch für den ‚Staat‘, die liebe Mittelmäßigkeit, mich abschießen zu lassen, um nur nicht von dieser braven Mittelmäßigkeit als ‚Vaterlandsloser Geselle‘ gescholten zu werden. Ich habe schon vorher Dir gesagt, daß ich nicht in den Krieg ginge, und da mag reden wer will – ich weiß, was ich tue, und gebe eben keinem, auch nicht dem toll gewordenen Massengefühl, ein Recht über mich. […] Dieser vermaledeite Krieg! Du glaubst nicht, wie viele Patriotismen und ähnliche Gefühlchen in mir rumoren und jeden Augenblick loskommen – aber sie müssen herunter! Ich will nicht von einem Hurradusel fortgerissen werden! […]

Gustav

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