1914, Museum

Er zertrümmerte die Sprache

Blick in die Ausstellung (7)

 

 

Welche literarische Bedeutung kommt August Stramm (1874–1915) zu?

August Stramm ist der bekannteste der von uns ausgestellten Autoren. Stramm gilt als bedeutendster Lyriker des Kriegs. Er hat die Lyrik geradezu revolutioniert, indem der die Sprache zertrümmerte. Aus Verben wurden Substantive, aus Adjektiven Verben usw. Viele Verse bestehen nur aus einem einzelnen Wort. Das ist sehr suggestiv, direkt und natürlich auch fremd und irritierend. Man muss sich diese Gedichte erarbeiten. Stramm hat vielleicht am konsequentesten nach neuen Formen in der Lyrik gesucht; er hat auf gewisse Weise den Krieg in die Sprache hineingenommen.

Welche Bedeutung spielt Stramm heute?

Stramm ist noch heute ein Vorbild für Autorinnen und Autoren. Viele Autoren der Moderne berufen sich unmittelbar auf ihn und seine sprachlichen Experimente: Ernst Jandl, Peter Rühmkorf, Arno Schmidt, Rolf Dieter Brinkmann, viele andere…

Wie stand Stramm zum Ersten Weltkrieg?

Stramm hatte etwas Urpreußisches. Er war ein strammer Offizier und hat sich als solcher in den Dienst des Vaterlands gestellt. Er wollte seine Pflicht erfüllen und war von dem Gedanken geleitet, durch soldatisches Tun dem Krieg ein Ende zu bereiten. Von Beruf war er übrigens ein hoher Postbeamter. Er führte eine ganz bürgerliche Existenz. Seine Frau Else Krafft schrieb Trivialromane. Das alles sind Widersprüche und auf der anderen Seite passt alles zu einer von den Zeitgenossen als hochgradig chaotisch und konfus wahrgenommenen Zeit.

Welche militärische Rolle spielte er im Krieg?

Stramm war ranghoher Leutnant und als solcher Befehlshaber einer Truppe. Er hatte die Befehle zu geben. Das war für ihn nicht leicht. Er litt darunter, täglich Tote, darunter viele seiner Kameraden, sterben zu sehen. Er schrieb nach Hause, dass es keinen Begriff gebe für all das Grauen, das der Krieg mit sich bringe.

Mit welchen literarischen Mitteln arbeitet August Stramm?

Stramm reduzierte und zerstörte Sprache und sprachliche Konventionen, vor allem in der Lyrik. Er widersetzte sich allen üblichen Schreimustern und suchte den Weg in die Abstraktion. Er grenzte sich damit von einer Sprache ab, die den Krieg und das Dasein beschönigte und dadurch verharmloste. Natürlich auch mit den faden Reimereien der Hurrapatrioten.

Wie setzte Stramm seine Kriegserfahrungen ästhetisch um?

Zunächst einmal muss man sagen, dass Stramm im Krieg literarisch sehr produktiv wurde; das literarische Schaffen war für ihn ein Ventil. Es brach sozusagen aus ihm heraus. Er fand dabei jenen Ton, der damals auch für die Berliner Avantgarde um den „Sturm“-Kreis von Herwarth Walden etwas Eigenes war. Im Grunde war es eine negative Ästhetik, eine Ästhetik des Hässlichen, die damals als Form des Protests gewählt wurde. Und es war eben auch eine Kunst der Abstraktion, ähnlich etwa wie bei Kandinsky in der Malerei – etwas durchaus Elitäres, Höhenkunst, aber freilich mit anderen Stilmitteln.

Wie empfand Stramm den Kriegseinsatz?

Für Stramm war der Krieg ein gewaltiges Gemetzel, ein unbeschreiblicher Gräuel. Eben das hat er brieflich festgehalten. In kurzen, abgehackten Sätzen. Ohne Illusion, ganz naturalistisch. Der einzige Gedanke war, irgendwie zu überleben, irgendwie den ganzen Wahnsinn durchzustehen. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein ohrenbetäubender Lärm Tag und Nacht – es war ja ein hochindustrieller Krieg –, täglich hunderte Tote auf allen Seiten, katastrophale Lebensverhältnisse, Schlamm und Morast, Hunger und Kälte – dennoch empfand Stramm den Krieg als notwendige Aufgabe empfand. Als Herwarth Walden versuchte, ihn vom Militär frei zu stellen, hat er das abgelehnt. Im letzten Kriegsjahr hat er an über 70 Gefechten teilgenommen.

 

Ein Interview mit Walter Gödden im Rahmen der aktuellen Ausstellung. Die Fragen stellte Thomas Frank (WDR) im Rahmen eines Beitrags, der in den „Resonanzen“ und „Mosaik“ (jeweils WDR 3) lief.

 

Die Ausstellung „1914: text und krieg – krieg und text“ läuft noch bis Mitte Mai.

 

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