Lesungen, Medien

Ein Aufklärer aus Passion

CD Cover Johann Moritz Schwager

Dominique Horwitz lässt bei seiner Lesung die satirische Schärfe
Johann Moritz Schwagers mit neuer Verve aufleben.

Wer war dieser Johann Moritz Schwager? Man muss weit zurückblättern, bis ins tiefe 18. Jahrhundert. Schwager war Theologe, Publizist und Schriftsteller mit jahrzehntelangem Wohnsitz in Jöllenbeck (heute Ortsteil von Bielefeld). Ein genialer Geist und zugleich ein Dickschädel, der keiner Fehde aus dem Weg ging, der mit spitzer Feder schrieb, seine Feinde mit Spott, Hohn und Polemik überzog und auch Romane verfasste.

Zielscheibe seiner Kritik waren Aberglaube, Hexenwahn, pietistische Frömmelei, aber auch Korruption und ignorantes Obrigkeitsdenken. Niemand blieb verschont, weder Bürger noch Bauer und erst recht keine Adligen, an denen er kaum ein gutes Haar ließ. Das von Schwager beschriebene Westfalen des 18. Jahrhunderts gleicht einem einzigen Sumpf an Intrigen, Korruption und Rechtsverdrehung – gestützt durch Gesetze und Winkeladvokaten, die solch desaströse Zustände erst möglich machten.

Lesung Dominique Horwitz

Glaubt man Schwager, war nichts so, wie es sein sollte, angefangen bei falschen Erziehungsmethoden über Scharlatanerie in der Medizin, rückständige Methoden beim Ackerbau bis hin zum ideenlosen Unterricht. Bei seinem Don Quixotischen Kampf gegen die katastrophalen Zustände vor Ort legte Schwager eine solche Dynamik und Beharrlichkeit an den Tag, dass er wiederholt mit der Obrigkeit und seiner Gemeinde in Konflikt geriet. Was seinen Eifer freilich nicht bremsen konnte. Er hielt unbeirrt an seinem Kurs fest.

In Journalen seiner Zeit fand Schwager eine erste Bühne für seine Veröffentlichungen. Als Herausgeber und Beiträger war er ein weithin anerkannter Mann. Er war Teil eines intellektuellen Netzwerks, das sich weit über ganz Westfalen hinaus erstreckte. Schon seine Traktate zeigen: Dieser Mann konnte mit der Feder umgehen. Er sprach den Leser unmittelbar an, wählte anschauliche Beispiele, traf den richtigen Ton. Schwagers Vorliebe für Polemik ist aus heutiger Sicht das „Salz an der Suppe“.

Bei so viel literarischer Verve hatte es eine gewisse Konsequenz, dass sich Schwager bald auch größeren literarischen Formen zuwandte. In seinem gedruckten Werk (über 25.000 Seiten!), das Reisebeschreibungen, Essays, Satiren, Epigramme, Sinngedichte und mehr umfasst, finden sich auch fünf Romane. Sie fanden in ihrer Zeit viele Leser und erlebten teilweise mehrere Auflagen.

Im Mittelpunkt steht Leben und Schicksale des Martin Dickius (1775) – ein Buch, das mit Fug und Recht zu den Hauptwerken des deutschen Humors gezählt werden darf. Der Roman zeigt, wie es einem dümmlichen und faulen Scharlatan beinahe gelingt, einen begehrten Predigerposten zu ergattern. Ein zweites Hauptwerk Schwagers ist die Werther-Parodie Die Leiden des jungen Franken, eines Genies (1777). Zielscheibe des Spotts sind die „unechten Schwärmer“, deren süßlich-weiches Wortgeklingel den Geniekult zur Ersatzreligion werden ließ.

Walter Gödden

Dominique Horwitz liest Johann Moritz Schwager. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2014, CD, 80 min., 10,- €

 

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