Autor*innen, Museum

Werner Warsinsky-Ausstellung

Werner-Warsinsky

Als der Lünener Metallarbeiter Werner Warsinsky am 26. März 1953 den erstmals vergebenen Europäischen Literaturpreis der Gemeinschaft der Büchergilden und Buchklubs erhielt, wurde sein Name in der literarischen Öffentlichkeit mit einem Schlag bekannt. Sein ausgezeichneter Roman Kimmerische Fahrt erlangte sofort ein vielfältiges Medienecho und wurde in den Feuilletons großer Zeitungen besprochen. Der Roman war somit die literarische Entdeckung des Jahres, und sein Autor wurde als neuer Stern am Literaturhimmel der Nachkriegs- zeit gehandelt.

Ob ich all die Erwartungen, die mein Roman „Kimmerische Fahrt“ ausgelöst hat, auch werde rechtfertigen? Begreife man doch, welch hohes Spiel hier gewagt wird! Und zum Dichter erklärt zu werden, welche Verantwortung! […] Manchmal könnte ich schwindelig werden vor der Perspektive meines zukünftigen Wirkens, wenn nicht der Anruf des Geistes, die zwingende Verpflichtung meiner Schicksalsstunden den Blick abzöge von mir selbst, dem Arbeiter im Lippewerk, und mir eine Richtung wiese, dahin mein Werk, meine Arbeit, mein Wort, meine Tat will.

Es ist ein Buch des Zwiespalts, der Abgründe, der Krankheit und der menschlichen Zerrüttung. Und ein Buch der Vision, der inneren Bilder, innerer dunkler Zusammenhänge, die ihre großartige Realisation im Wort finden. Schon Gottfried Benn stellte die ambivalente Grundprägung des Romans heraus: ein großer tragischer Wurf.

Kimmerische Fahrt erzählt das Schicksal eines Kriegsheimkehrers Ende der 1940er Jahre nicht als Geschichte im herkömmlichen Sinn, als Abfolge von Ereignissen. Vielmehr sind auf labyrinthische Weise Erzählebenen und Figurenkonstellationen verschachtelt. Im ständigen, oft kaum merklichen Wechsel von halluzinativer Traumerzählung und diffuser Wirklichkeitsdarstellung verschieben sich die Handlungs-, Zeit- und Bezugskontexte und kennzeichnen den Roman als Dokument eines phantastisch-magischen Realismus.

Der Leser verfolgt einen zunächst namenlose Protagonisten, der durch seine weltkriegszerstörte Heimatstadt irrt und dabei wahrlich eine Reise nach „Kimmerien“ durchlebt, vergleichbar mit der griechischen Sagengestalt Odysseus im 10. und 11. Gesang der Odyssee. Gleich Odysseus’ Fahrt durch das homerische Land lichtloser Gestalten am Eingang zum Hades führt die verzweifelte Selbstsuche der Hauptfigur immer wieder in Bereiche der absoluten Verneinung und des eigenen Todes. Dabei zeichnet sich der Roman durch sich überlagernde Erinnerungskontexte und wechselnde Ereigniszusammenhänge aus. Was ist existent, was Illusion? Schemenhafte Erinnerungsfetzen, wirkliche Begegnungen und Wahrnehmungen verändern sich im Fieberwahn der Hauptfigur zu surrealen Phantasien. Feste Bezugsgrenzen von Raum und Zeit gibt es nicht mehr.

 So stießen chaotische Trümmer, auf dunklen Flüssen treibend, noch oft gegen die künstlich errichteten Pfeiler der Brücke, die ich zu schlagen begonnen hatte, und brachten ein mühsam errichtetes Werk ins Wanken. Über Nacht stürzte es ein und hinab in die Tiefe. Der nächste Morgen fand mich wie je hilflos und verlassen, zwischen Welt und Unwelt trieb ich in meiner Anonymität dahin. Ich mußte wiederum ganz von vorne beginnen, ich war der Verzweiflung nahe. Womit, fragte ich mich, soll ich eigentlich bauen? Was hält denn stand, da alles Denkbare schlecht ist, morsches Holz, und die Dämonen des Nichts ihre schrecklichen Ziele erkennen lassen? Wo ist ein Herzschlag, ein Seelenton in dieser Qual, daß ich ihn brüderlich nennen könnte? Ich wollte doch das Menschsein wieder erlernen; aber ich fand nur Ödnis und Abgrund.

 Blick in die Vitrine I

Werner Warsinsky, geboren 1910 in Barlo/Bocholt, war Buchhändler, bevor er 1940 als Soldat der Wehrmacht eingezogen wurde. Nach dem Krieg arbeitete er als Landarbeiter, Nachtwächter, Streckenarbeiter, Handlanger und Ofenhausarbeiter im Lüner Lippewerk der Vereinigten Aluminiumwerke AG und war von 1955 bis 1975 Leiter der Stadtbücherei Lünen. Im Ruhestand besaß er seinen Wohnsitz in Münster, wo er 1992 starb.

Glück ist mir immer nur das Atemholen zwischen zwei Katastrophen gewesen. Um und um gezerrt, zwischen Gutem und Bösem schwankend, scheint sich anfangs alles zu widersprechen. Man wird es nötig haben, sich bei Zeiten nach Menschen umzusehen, die einem Halt geben. Man findet sie, geht eine Strecke mit ihnen und lässt sie zurück.

In seinem Erfolgsroman Kimmerische Fahrt verarbeitete Warsinsky seine eigenen Kriegserlebnisse als Soldat. In den Jahren 1948 bis 1952 arbeitete er zwischen den Schichten im Lünener Lippe-Werk an der Geschichte über die Irrfahrt des Kriegsheimkehrers. Er verstand sie als Mahnruf an jeden Einzelnen, sich den Verdrängungsprozessen der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu stellen und statt über die traumatischen Erinnerungen zu schweigen, sie vielmehr wieder und wieder zu durchleben, so schmerzhaft sie auch sein mochten.

Blick in die Vitrine II

Zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt war es eine große Überraschung, als Kimmerische Fahrt als eine von insgesamt 362 Einsendungen für den erstmals verliehenen Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet werden sollte. Großer Fürsprecher für die Auszeichnung des in der literarischen Welt unbekannten Lünener Schriftstellers war Gottfried Benn, der Warsinskys Kimmerische Fahrt in seiner Laudatio als „über die Maßen interessant und beunruhigend“ pries: „Kann man ein solches Buch mit einem Preis krönen? Wenn es ein Buch der Vision ist, der inneren Bilder, innerer dunkler Zusammenhänge, die ihre großartige Realisation im Wort fanden, wenn es das Buch eines faszinierenden Geistes ist, dann: ja!“

Nach dem Überraschungserfolg seines Erstlings, der ihm auch kritische Rezensionen und insgesamt ein geteiltes Medienecho einbrachte, zog sich Warsinsky aus der literarischen Öffentlichkeit allerdings wieder zurück. Lediglich zwei schmale Lyrik-Bände sind in der Folge noch erschienen.

Blick in die Vitrine III

Warsinskys aus der literarischen Öffentlichkeit verschwundenen preisgekrönten Debütroman hat nun die Nyland-Stiftung, Köln, in Kooperation mit der LWL-Literaturkommission für Westfalen neu herausgegeben. Das Museum für Westfälische Literatur präsentiert deshalb – in Kooperation mit dem Westfälischen Literaturarchiv – zurzeit im Rahmen einer kleinen Kabinettausstellung Exponate zu Leben und Werk des Autors. Zu sehen sind in diesem Rahmen nicht nur Erstausgaben der Kimmerischen Fahrt sowie die beiden ins Französische und Japanische übersetzten Drucke und Warsinskys schmalere Publikationen des Gedichtes Lunatique und der Märchensammlung Legende vom Salz der Tränen, sondern auch der einzige im Archivbestand zu findende Teil eines Originalmanuskriptes seines Erfolgsromans. Die Ausstellung geht darüber hinaus besonders ausführlich auf den Europäischen Literaturpreis ein; zu sehen sind in diesem Kontext eine Karikatur der namhaften siebenköpfigen Preisjury und Originaldokumente wie das Reglement, ein Vortragsmanuskript für eine Lesung aus Kimmerische Fahrt und auch ein Telegramm des Europäischen Kulturzentrums, mit dem Warsinsky aufgefordert wurde, unverzüglich nach Genf zu kommen.. Der letzte Teil der Kabinettausstellung widmet sich schließlich der feuilletonistischen Rezeption des ausgezeichneten Debütromans.

Anna-Lena Böttcher

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