Autoren, Was läuft?

Die Jungfrau in der Küchenschlacht

Kochbücher waren nicht nur im Zeitalter der TV-Köche die Blockbuster des Buchmarkts. Die kulinarische Buchkultur boomte schon im 19. Jahrhundert. Der Autor Hans Dieter Treeck würdigt die Klassikerin dieses Genres, deren Auflagenzahlen selbst Jamie Oliver erblassen lassen würden. Die Rede ist von Henriette Davidis. Die Westfälin, der in ihrem Geburtsort Wengern/Ruhr ein eigenes Museum gewidmet ist, prägte mit ihren Kochbüchern und Erziehungsfibeln ganze Generationen deutscher Ess- und Erziehungskultur. Am 24.2  stellt Dieter Treeck zusammen mit der Schauspielerin Kriszti Kiss sein Davidis-Lesebuch vor, das 2011 in  „Nylands kleiner westfälischer Bibliothek“ erschienen ist. Einen kulinarischen Appetizer bekommt die Lesung durch ein stilechtes 3-Gänge-Menü à la Henriette Davidis, serviert im KulturCafé Haus Nottbeck.

Dieter Treeck hat mit seinem Davidis „Best-Off“  eine Ehrenrettung im Sinn: er möchte die berühmteste deutsche Kochbuchautorin als eine selbstbewusste Frau an der Schwelle zur Moderne würdigen, deren Schaffen sich nicht auf Kreationen wie den „Pfefferpothast“ und das „man nehme…“ reduzieren lässt. Auch in der heute ebenso populären Sparte der Ratgeber-Literatur war Davidis eine Pionierin. Ihre Bücher „Die Jungfrau“ und „Die Hausfrau“ –  Treeck widmet ihnen eigene Kapitel –  waren Bestseller auf dem Gebiet der standesgemäßen „Haushaltsführung“. Kulturgeschichtlich Interessierten geben die Texte einen hochspannenden Einblick in die Erziehungsideale des bürgerlichen Biedermeier: „Zu den rühmlichsten Eigenschaften einer Frau gehört die, daß der Mann von ihr sagen kann ‚Ich habe eine Hausfrau‘.“, gemahnte Davidis ihre junge weibliche Leserschaft. Ihrem Idealbild  „Hausfrau“ entsprach ein Katalog von Tugenden wie Hygiene und Reinlichkeit sowie häuslicher Pflichten wie die „Reinhaltung“ des „Schreibzimmer des Mannes“ und die „Überwachung der Kinder“. In schulmeisterlichen Traktätchen brachte Davidis solcherart „Primärtugenden“ den heranwachsenden Mädchen und frisch verheirateten Ehefrauen nah. Für uns Heutige wirken die Tugendlehren der rührigen Henriette unfreiwillig komisch und den Lebensentwürfen jetziger junger Frauen Lichtjahre fern. Interessant ist aber, dass Davidis selbst ihrem eigenen idealen Rollenverständnis widersprach. Sie war nie verheiratet und nahm ihr Leben nach den ersten Kochbuch-Erfolgen auf bewundernswerte Weise selbst in die Hand. In der rauen verlegerischen Männerwelt stritt sie beherzt um ihre Tantiemen und verfolgte zielstrebig ihre literarische Karriere. Sie publizierte Bestseller um Bestseller – Erziehungsratgeber, Kinderbücher, Gärtnerfibeln – und versilberte ihre kulinarische Autorität, indem sie für einen Kraftbrühe-Fabrikanten Werbespots erdichtete.

Mit Herzblut hat der Schriftsteller Dieter Treeck ein kurzweiliges und amüsant zu lesendes  Henriette-Davidis-Lesebuch zusammengestellt. Und auch die Köche kommen nicht zu kurz: wer Lust auf traditionelle Kreationen hat, wird ebenfalls gut bedient. Aus Hunderten von Rezepten hat Treeck die Davidis-Klassiker herausgesucht. Ein Buch also nicht nur zum Lesen, sondern auch zum nachkochen.

Menü und Lesung am 24.2.2011 : VVK 23,00 EUR (zzgl. VVK-Gebühr); AK 26,00 EUR Lesung: VVK 10,00 EUR (zzgl. VVK-Gebühr); AK 12,00 EUR

Henriette Davidis Lesebuch.
Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Dieter Treeck
Bielefeld: Aisthesis 2011, 153 Seiten

ISBN 978-3-89528-825-8

St. Stadthaus

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