Museum, Was läuft?

Jacques was here.

Es war ein Konzert der besonderen Art. Wann bekommt man Jacques Palminger in hiesigen Breiten schon mal zu Gesicht? Am 28. September aber war es so weit. Er gastierte mit dem vorzüglichen 440Hertz-Trio auf dem Kulturgut. Anlass war die Abschlussveranstaltung des Festivals Literaturland Westfalen.

Palminger und Co. brachten ihre im Frühjahr erschienene CD Jzz und Lyrk (kein Tippfehler!) zu Gehör, auf der sich so herrlich melancholische Verse finden wie: „Im Schuppen liegen hundert Gehwegplatten / aus der Zeit, als wir noch Träume hatten / die hätte ich so gern für dich verlegt.“ Im Sprechgesang zu süffigen Jazz-Arrangements hingeraunt, verbreiten Palmingers Texte zunächst einen seltsam fremden Höreindruck. Beim zweiten Anhören von Jzz und Lyrk stellt sich bereits eine ganz andere Stimmung ein. Man bekommt ein Ohr für die Raffinessen und Feinheiten der Produktion und auch für die traumverlorenen Texte, die sich in einem ganz eigenen Kosmos bewegen. Nach dem dritten bis zehnten Hören möchte man dann nur noch jubeln: Wunderbar, bezaubernd, was für ein Meisterwerk! Eine CD mit dem Zeug zum Klassiker, die es verdient, den Meisterwerken des Genres „Jazz und Lyrik“ an die Seite gestellt zu werden – also etwa Gert Westphals legendärer Interpretation der Gedichte Gottfried Benns, Peter Rühmkorfs wunderbar-melodischen, in wechselnden Formationen eingespielten Versionen eigener Gedichte oder Ernst Jandls genial intoniertem Lyrikvortrag mit der NDR-Big-Band (Laut und Luise / Aus der Kürze des Lebens).

Palminger interpretiert „Jazz und Lyrik“ anders, auf ganz eigene Weise. Mit unaufdringlicher, einschmeichelnder Stimme erzählt er merkwürdig verstörende „Ich“-Geschichten, verliert sich in surreal angehauchten Miniaturen, changiert augenzwinkernd zwischen Größenwahn, schwüler Erotik, Lebensphilosophie und Kindheitsphantasie.

Das Schöne an Palmingers Auftritten ist die routinierte Lässigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der Text und Musik lustvoll zusammenspielen. Wobei immer wieder Palmingers Hang zum Perfektionismus auffiel. So bizarr die Texte auch sind – alles klingt harmonisch-stimmig, wie füreinander geschaffen.

Das Publikum fand es großartig und spendete reichlich Beifall. Palminger möchte übrigens gern wiederkommen. Das Kulturgut gefiel ihm ausgesprochen gut. Vielleicht bringt er das nächste Mal seine Mitstreiter Rocko Schamoni (Dorfpunks) und Heinz Strunk (Fleisch ist mein Gemüse) mit, mit denen er das anarchistische Komik-Trio Studio Braun bildet, das es – allem Bürgerschreck-Image zum Trotz – inzwischen bis zu Inszenierungen am Deutschen Theater in Berlin gebracht hat (aktuell: Fahr zur Hölle, Ingo Sachs). Im letzten Jahr waren die drei in dem schon jetzt zum Kult avancierten Film Fraktus zu sehen. Der Film handelt vom Comeback einer Band, die es nie gegeben hat. Muss man erstmal drauf kommen.

Walter Gödden

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