Autoren, Entdeckung

Poetry

Christoph Wenzel

THTR

und endlich fällt der kühlturm
in den blick – ein echtes glücksgefühl:
ja das ist heimat nach den langen fahrten
zerfallen vom rücksitz die alphabete
in kennzeichen wir raten kilometerlang
die städte im stau eine art störfall
auf der bahn: ein munteres spiel mit tennis-
bällen lottokugeln aus graphit und bor
die sonne strahlt und wir brüten in raten
das heimweh aus man könnte ganze wüsten-
gebiete damit zubauen
und der kopf glüht rot
wie ein durchgebrannter reaktor im radio
ist das wetter die wichtigste nachricht
dieser tage zu hause gibt es gemüse in dosen
von bonduelle und becquerel in den wiesen
hängen die winde von osten im vergleich
nur ein wölkchen hier zum geburtstag
(da liegt nichts vor) gibts die geschenke
erst nachträglich: zerfallsprodukte
helium aus luftballons und ein echtes theater
ohne vokale

Der imposante Kühlturm des THTR, des Thorium-Hochtemperatur-Reaktors, in Hamm-Uentrop war schon von weitem von der Autobahn aus zu sehen. Immer wenn ich als Kind mit meinen Eltern auf dem Rückweg einer längeren Autoreise diesen Turm sah, wußte ich, daß die lange Fahrt bald ein Ende hat, wir gleich zu Hause sein werden. Der Anblick des Kühlturms war für mich gleichsam das Signal eines Leuchturms, das die Richtung vorgab und Heimat, Ankunft verhieß.

Wenige Wochen nach dem Tschernobyl-Unglück hatte es auch bei diesem Reaktor einen Störfall gegeben, freilich in weit geringerem Ausmaß als in der heutigen Ukraine, aber es war radioaktives Helium ausgetreten. Dieser Störfall ereignete sich genau an meinem 7. Geburtstag, dem 4. Mai 1986. Lange hatte die Betreibergesellschaft das Vorkommnis geleugnet („An welchem Tag sagten Sie? Nein, da liegt nichts vor, an dem Tag ist nichts Außergewöhnliches passiert!“), bis man schließlich doch zugeben mußte, daß Radioaktivität entwichen war. Davon habe ich als Kind nichts mitbekommen, einzig die Gefährdung durch die Ostwinde aus Tschernobyl war damals spürbar in den Warnungen der Lehrer, der Eltern, den Wettervorhersagen im Radio.

Die kindliche Verheißung von Heimat und Ankunft sollte sich so Jahre später, als ich schließlich von dem Vorfall erfuhr, überlagern mit der latenten Bedrohung, die von dem nahen Reaktor ausging, und der sehr präsenten Gefahr aus dem entfernten Tschernobyl. Mein eigener Geburtstag ist für mich seither das Datum, das all dies zusammenhält.

Der THTR wurde 1989 stillgelegt, sein schwebender Kühlturm war seinerzeit der höchste der Welt, 1991 wurde er gesprengt. (CW)

About:
Der Lyriker Christoph Wenzel ist in Hamm aufgewachsen und lebt und arbeitet heute als Lyriker, Verleger und Literaturwissenschaftler in Aachen. Wenzel debütierte 2005 mit dem Lyrikband zeit aus der karte, 2010 folgte das Buch tagebrüche, aus dem das Poem „THTR“ entnommen ist. Wenzel ist auch in zahlreichen Anthologien vertreten. Zusammen mit Daniel Kettler gibt der Autor seit 2005 die aufwendig gestaltete Literaturzeitschrift [SIC] heraus. In unserem Videoportal liest Wenzel eine Auswahl seiner Gedichte und plaudert über Ernst Meister, die moderne Lyrik und darüber, wie es war, im Schatten des THTR aufzuwachsen.

Christoph Wenzel: tagebrüche. Gedichte. (c) yedermann Verlag, 2010.

http://www.yedermann.de/ywenzel.htm

http://www.poetenladen.de/christoph-wenzel.php

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