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Westfalen, sonst nichts?

2012 erschien die von Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel herausgegebene Anthologie Westfalen, sonst nichts? – am Samstag beim Laut & Luise-Festival zu erleben –; das Buch versammelt 32 Stimmen zeitgenössischer Lyrik. Arnold Maxwill sprach mit beiden über Westfalen und Lyrik – und wie (und wo) das eine mit dem anderen zusammenhängt.

Eine Anthologie ist immer auch eine Entscheidung, eine inhaltliche Ausrichtung: die Wahl des Themas, der Texte, des Titels. Durch das Fragezeichen in Westfalen, sonst nichts? wird einem vorschnellen Argwohn der Wind aus den Segeln genommen. Pragmatik statt Programmatik also?

Christoph Wenzel: Ja, das würde ich schon so sagen. Wir waren sehr großzügig, was die Auswahl der Autoren anging bzw. der Kriterien dessen, was hier als „westfälisch“ zu gelten hat. Das Fragezeichen im Titel stellt ja gleichzeitig auch zur Debatte, wie sinnvoll es ist, dieses Kriterium überhaupt anzuwenden und deutet zudem an, dass wir sehr großzügig verfahren sind, indem wir eben nicht gesagt haben: Man muss hier geboren sein, man muss hier so und so viel Jahre gelebt haben, unbedingt aufgewachsen sein. Die Autoren im Buch haben unterschiedlichste biographische Bezüge zu Westfalen, keiner ist aber unbedeutend. Nur ein Mal mit dem Regionalexpress hier durchgefahren zu sein – das reichte dann aber auch nicht. Wir haben schon geschaut, dass der Bezug ein deutlicher ist. Auf der anderen Seite bedeutet das Fragezeichen auch: natürlich gibt es viel mehr als Westfalen, und genau das wollen wir zeigen, indem wir sagen: Die Anthologie ist eine poetische Reise, die in unserem Fall ihren Ausgangspunkt in Westfalen hat, und dieser Ausgangspunkt strahlt auf verschiedenste Weisen ab auf das Leben der Autoren, die hier vielleicht nur aufgewachsen und dann in die „große weite Welt“ gezogen sind und dort jetzt leben und schreiben.

Adrian Kasnitz: Dieses Westfalen, sonst nichts? ist ja auch eine Frage der Identität und das kann ja nur eine bestimmte Ebene der Identität sein, also meistens ist man ja erstmal z.B. Münsteraner, dann kommt vielleicht sowas wie Münsterländer, Südwestfale, Ostwestfale … und dann ist es ja schon wieder eine viel abstraktere Ebene, „Westfale“ zu sein. Das ist ja nicht allen immer so präsent. Und was auch dazugehört, überhaupt landschaftlich, dass es so feste Grenzen hat; die sind Leuten in Nordrhein-Westfalen nicht so vertraut – und wenn man über diesen Tellerrand hinausguckt, ist es schon ganz absurd, was alles nach Meinung mancher angeblich noch zu Westfalen gehört.

 

Mit Blick auf die Anthologie würde ich sagen: Westfalen – der Raum als Depot verschiedener Sprachweisen; die Landschaft als Szene und Gedächtnis von Wahrnehmungen, Erfahrungen. Und ohne dabei die Heterogenität der zusammengetragenen Gedichte schmälern oder gar ignorieren zu wollen, scheint mir dies doch eine ferne Übereinkunft zwischen nicht wenigen Texten zu sein. Es sind gewissermaßen Ablagerungen, die im sprachlichen Material aufscheinen.

Wenzel: Das finde ich gut, weil das, was du sagst, eine mögliche Antwort auf die Frage ist, die wir mit dem Buch auch stellen wollen, aber eben als Herausgeber nicht selbst beantworten – die Frage: Gibt es etwas Spezifisches, das diese Generation mit dieser westfälischen Herkunft vereint – in ihrem poetischen Sprechen, in ihrer poetischen Arbeitsweise oder eben nicht? Ist es disparat und bleibt es disparat? Das wollten wir nicht beantworten. Wir haben auch ein bisschen hin- und her überlegt, wie wir die Abfolge der Gedichte arrangieren wollen. Am Ende sind wir da gelandet, wo wir angefangen haben, nämlich bei einer alphabetischen Sortierung nach Nachnamen, und das hatte viele Gründe und geschah nicht aus bloßer Bequemlichkeit heraus, sondern es passte dann zufälligerweise so, dass wir eine schöne Aufeinanderfolge von männlichen und weiblichen Stimmen hatten, dass es thematisch sowohl variierte als auch ineinander griff, das passte alles wunderbar in die alphabetische Abfolge, aber wir haben auch überlegt, geographische oder thematische Zusammenhänge herzustellen. Das glückte in dem Versuch dann nicht so. Und wenn du jetzt doch Gemeinsamkeiten herausliest, die wir quasi als offene Frage stellen, finde ich das gut. Ich kann der These also folgen; sicherlich gibt es auch noch andere Thesen, andere Möglichkeiten, die Frage Westfalen, sonst nichts? zu beantworten.

 

Vermutlich war aber die ‚neutrale‘ alphabetische Reihenfolge letztlich eine sehr gute Wahl, weil eine von euch vorgenommene thematische Gliederung ja die Interpretationsweise auch von vorneherein beschnitten hätte.

Kasnitz: Ja, und man hätte auch die Autoren und Texte nicht so präsentieren können, man hätte die Texte dann anders anordnen müssen und wäre nicht bei den Biographien und Autoren geblieben. Natürlich könnte man thematische Ordnungen vornehmen, das ist durchaus denkbar, beispielsweise gibt es in der Anthologie zwei Mal das Gedicht Am Kanal – da hätte man ja schon thematische Bezüge herstellen können wie: Wir suchen uns bestimmte Orte, Stoffe, Motive, die zueinander passen – aber dann wäre man von den Autoren weggekommen.

 

Für Westfalen ist – auf den ersten Blick – dominant: die Provinz, in all ihren Ausprägungen, andererseits das hybride postindustrielle Konglomerat namens Ruhrgebiet. Eure Gedichte nähern sich dem, umkreisen dies oft vom Unauffälligen, Randständigen her (das Wartehäuschen, der Busbahnhof etc.), aber auch Störmomente und Bruchstellen sind oft bemerkbar. Liegt hier für euch gewissermaßen ein Archiv vor, das dankbar genutzt werden kann?

Kasnitz: Ja. Da kann man nur Ja sagen.

Wenzel: Ja, das ist ein großes Archiv, also ein poetisches Archiv, ein geschichtliches, ein biographisches, ein unendliches Archiv und dieses Vom-Rande-her-Schauen, Vom-Rande-her-Sprechen ist der Lyrik so zu eigen, eines ihrer ureigensten Merkmale, glaube ich, dass man immer vom Rande der Bilder, vom Rande der Semantik, vom Rande der Wörter, vom Rande der Sprache her etwas in den Blick nimmt, etwas bearbeitet. Das ist – finde ich zumindest – ganz natürlich, was diese Arbeitsweise angeht, was sie suggeriert und auch transportiert. Ich finde es schön, dass du das aufgreifst, dieses Stichwort Archiv, das finde ich faszinierend – insbesondere an dieser Landschaft, weil sie ein Fundus ist, der nicht nur reichhaltig ist, sondern zu dem es auch einen persönlichen Bezug gibt.

Kasnitz: Das einzige, was fehlt, ist das Meer. Alles andere ist vorhanden.

 

Adrian Kasnitz, geboren 1974, lebt in Köln; seit 2003 Mitherausgeber der Edition parasitenpresse. Es erschienen mehrere Lyrikbände, u.a. Innere Sicherheit (2006), Den Tag zu langen Drähten (2009) und Schrumpfende Städte (2011), aber auch Essays, Kurzprosa und der Roman Wodka und Oliven (2012).

 

Christoph Wenzel, geboren 1979 in Hamm, lebt in Aachen; gemeinsam mit Daniel Ketteler Verleger des [SIC]-Literaturverlags; zuletzt erhielt er den Alfred-Gruber-Preis beim Lyrikpreis Meran sowie den Literaturpreis der GWK; 2005 erschien der Lyrikband zeit aus der karte, 2010 tagebrüche, 2012 weg vom fenster.

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