Autoren, Entdeckung, Was läuft?

mehr als schnaps und schinken


westfälische dichtung, fehlanzeige?


von Crauss

„in der pflege der kunst und dichtung sind wir westfälinger hinter den anderen deutschen volksstämmen weit zurück,“ schreibt Justus Möser, ein zeitgenosse von Matthias Claudius. „die freundliche gottheit des liedes liebt leichtentzündliche naturen, wir aber sind zu ernst, zu gründlich, zu schwerfällig.“

mag es an dieser schwerfälligkeit liegen, dass bis heute, 2013, zwar die bildende kunst und die musik, seltener aber die literatur eine echte, d.h. dauerhaft intensive förderung hierzulande erhalten hat. da mühen sich dichter nach wie vor, in ihren heimatstädten und -städtchen etwas auf die beine zu stellen, eine kleine lesebühne vielleicht, müssen aber schon bald am desinteresse der veranstalter verzweifeln. in oberzentren wie siegen (und das gilt durchaus auch für schwestern wie hagen oder lüdenscheid) gilt bei buchhändlern für literatur, was sich als roman verkaufen lässt; auf den bühnen der stadt müssen kabarettisten und comedians, vielleicht noch amüsierkolumnisten den job des dichters übernehmen. gebucht wird, was publikum zieht. liest man veranstaltungskalender, wird man westfalen für eine ausgesprochen kriminale, banal reimende region halten. als neu und interessant gelten poetry slams, die vielleicht ein kurzes vergnügen, aber doch selten einen bleibenden wert vermitteln. das publikum wird dabei oft genug mit der eintagsfliege verwechselt, die sich auf den gleichen haufen setzt wie alle ihre genossinnen – und bitteschön nirgendwo anders hin.

westfälische dichter, die wegen literarischer tiefe berühmt oder zumindest bekannt wurden, kamen (und kommen) oft genug erst nach ihrem wegzug zu ehren. blieben sie, sammelten sie sich zu früheren zeiten eher in münster als in schmallenberg, kamen häufig auch aus dem münsterland, und trafen sich später im kölner raum.

nicht von ungefähr entfachte sich 1956 ein jahrelang anhaltender dichterstreit an der frage, was genau denn westfälische dichtung sei. Josef Bergenthal schreibt in einer 1953 erschienenen anthologie: „westfälischer dichter ist, wer dichter und westfale zugleich ist. er braucht gewiss nicht in einer westfälischen mundart zu schreiben. heimatliche bezüge dürfen nicht als ersatz für fehlende dichterische qualitäten gewertet werden.“ und nun, meine damen und herren, schauen Sie sich bitte einmal die siegerland-, das heisst: regional-ecken in den hiesigen buchtempeln etwas genauer an!

das westfälische – und eben auch die literatur – ist seit je wegen heimischer kargheit zum auswandern gezwungen. das sauerland, und erst recht das geographisch schwerer zugängliche siegerland, ist in der literaturgeschichte kaum vertreten. es hat viele tüchtige industrielle oder pädagogen hervorgebracht, mit dichtern war und ist es aber nicht besonders gesegnet.

das liegt an einer (auch nicht nur im regionalen verankerten, sondern durchaus allgemeinen) geringschätzung zeitgenössischer literatur, das gründet aber heute wie vor 150 jahren ebenfalls am erwähnten, nicht besonders leicht entzündlichen gemüt des westfalen. im 19. jahrhundert gab es sogenannte hollandgänger, die sich ihr brot auch wegen der beschwernis zuhause woanders verdienen mussten. es gab den berufsstand des westfälischen heringsfängers: männer aus der gegend um minden, die jahr für jahr hinauszogen, um an den fanggründen der nordsee zwischen norwegen und schottland ihre treibnetze auszulegen.

die anthologie von Josef Bergenthal versammelt einige wunderbare texte, etwa Margarete zu Bentlages pfingsttag, Wilhelm Vershofens geschichten aus sonnenhoevel oder Otto Wohlgemuths als hätte die erde selber geschrien. wem aber sind diese dichter heute noch ein begriff? neben ihnen versammeln sich in dem buch texte, die anfang der 1950er jahre ebenso wie das vorwort noch schwer beladen sind mit begriffen wie volksstamm, erde oder erbstrom.

freilich heisst der westfälische literaturpreis in der folge des grossen dichterstreits von 1956 Ernst Meister preis; etwas hat sich also geändert. ausserdem gibt es einen 2003 als universitäres forschungsheft erschienenen schmalen überblick über die literatur in der direkten siegener umgebung und mehrere zwischen 1989 und 1999 erschienene sammelbände, die sich mit literatur und kunst in siegen beschäftigen, darunter allein zwei anthologien der zehn jahre existiert habenden literaturgruppe aktion musenflucht. allerdings handelt es sich bei vielen beiträgen der bücher meine stadt, momentaufnahme und siegener lesebuch um spass- und heimatkundliche texte oder solche, die das weggehen bzw. die möglichst schnelle durchreise zum thema haben – was nichts weiter ist als eine andere form der heimatkunde, aber nichts mit literatur zu tun hat.

selbstverständlich gibt es auch ambitionierte und sogar hochrangige texte in diesen anthologien. der punkt ist: sie sind nicht in der lage (und garnicht dazu gedacht), auch nur ansatzweise einen überblick über literatur in westfalen zu geben – und so zum beispiel auch zu vermitteln, dass nicht nur in den ballungsräumen berlin, hamburg und eventuell köln oder münchen poetisch gedacht wird oder gedacht werden kann, sondern dass es auch auf dem land urbane und national bedeutende literatur geben kann.

mir ist erst vor einigen tagen eine zusammenstellung bekannt geworden, die jünger als dreissig oder vierzig jahre ist und dies eventuell leistet: literatur in den rheinlanden und in westfalen ist in vier bänden erschienen und behandelt den zeitraum 1895-1994. antiquarisch sind die bücher einzeln noch zu bekommen, abgesehen von sehr spärlichen informationen über den inhalt oder die aufgenommenen autoren bietet der insel verlag nur noch zwei von vier bänden oder einen sehr teuren gesamtschuber an. das fördert nicht gerade das interesse. darüber hinaus meint nordrhein-westfalen etwas ganz anderes als westfalen und läuft gefahr, den fokus wiederum verstärkt auf die ballungszentren zu richten. immerhin, seit 2008 erscheint mit versnetze ein jährlicher sammelband, der deutschsprachige lyriker nach postleitgebiet zusammenfasst; im vierer- und fünfer-bereich lassen sich neben den anderen republikgebieten entsprechend westfälische autoren nachschlagen und entdecken.

ebenfalls begrenzt auf gedichte, aber spezifischer in der auswahl der schreiber haben nun Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel die anthologie westfalen, sonst nichts? auf den weg gebracht. sie zeigt, wie vielfältig die gegenwärtige junge lyrik in und aus westfalen ist: neue gedichte von etwa dreissig gebürtigen, zugezogenen, ausgewanderten und zurückgekehrten. Andreas Bülhoff, Jan Skudlarek, Stephan Reich und Bastian Schneider ragen heraus. alle aber haben einen bezug zum westfälischen, den sie mit einem literarischen anspruch verdichten, der über schnaps und schinken weit hinausreicht.

Literatur
Josef Bergenthal: westfälische dichter der gegenwart. deutung und auslese. münster 1953  –  Franz-Josef Weber, Karl Riha: meine stadt. literatur und kunst in und um s.; in zs.arbeit von universität-gh siegen und kunstverein siegen 1989  –  arbeitsgruppe literarisches leben: momentaufnahme. literatur und kunst in siegen heute: ein lesebuch. siegen 1989  –  aktion musenflucht: manuscripties. anthologie. mit einem vorwort von M. Jung. siegen 1993  –  aktion musenflucht: inner city. anthologie.hg. v. prof. dr. Wolfgang Popp. siegen 1998  –  Thomas Kleber, Karl Riha: siegener lesebuch. literarische streifzüge durch die krönchenstadt. siegen 1999  –  Walter Gödden, Reinhard Kiefer: utopische dichter. der schmallenberger dichterstreit 1956, Ernst Meister und die folgen. analysen und dokumente. münster 2000  – Crauss: KONtext sieGEN. digging the dirt. literatur in der krönchenstadt – eine übersicht. Siegen 2003  –  Axel Kutsch: versnetze. das grosse buch der neuen deutschen lyrik. weilerswiste 2008; versnetze zwei (2009), drei (2010), vier (2011), fünf (2012) ebd.  –  literatur in den rheinlanden und in westfalen – literatur in nordrhein-westfalen. texte aus hundert jahren [1895-1994] in vier bänden, div. hrsg., frankfurt: insel verlag 1995-1998

Crauss
, 1971 in Siegen geboren, studierte Literatur- wissenschaft und lebt und arbeitet als freier Schriftsteller, Publizist und Dozent dort. Er veröffentlicht v.a. Lyrik und Kurzprosa, ausgezeichnet mit Stipendien und Preisen, und veranstaltet „Schreibferien“ am Lago Maggiore. Alles Weitere unter www.crauss.de.

Dieser Text begleitete am 30. April die Präsentation der Anthologie in Siegen. Am Samstag, 29. Juni, wird die zeitgenössische westfälische Lyriklandschaft unter Moderation von Oliver Uschmann beim Nottbecker Open Air-Wortfestival „Laut & Luise“ vorgestellt. Mit dabei sind: Adrian Kasnitz, Christoph Wenzel, Dagmara Kraus, Xaver Römer, Daniel Ketteler, Julia Trompeter – und Crauss.

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