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Die Welt ist leider kompliziert


Burkhard Spinnens neuer Roman taucht in die Welt der Computerspiele ein. Am Freitag, 15. Feburar 2013, stellt er ihn in Nottbeck gemeinsam mit Sohn Caspar bei Lesung und Gespräch vor.

Neulich traf ich – mehr durch Zufall – meinen eigenen Sohn mal wieder. Wir leben im selben Haus, aber in unterschiedlichen Welten. Während ich dem Tageslicht noch etwas abgewinnen kann, durchaus auch Mutter Natur schätze und auch kein Bewegungsmuffel bin, zieht er sein Kellerverlies vor. „Sein“ ist dabei nicht ganz richtig. Ursprünglich war es mein Büro, ein stilles Arbeits- und Rückzugsreservat. Nun ist es okkupiert. Juliens Computer zog dort ein. Kein normaler Computer, sondern ein Gamer-PC. Er läuft praktisch nonstop. Immerhin nehme ich meinen Filius noch akustisch war, bis tief in die frühen Morgenstunden. Er ist in seiner Höhle mit Gott und der Welt zugange. Dreißig oder mehr ähnlich Gestrickte arbeiten sich an irgendeinem mir völlig unverständlichen Spiel ab, was offensichtlich eine große Herausforderung ist. Ich höre ihn jubeln, fluchen, kreischen und oft alles gleichzeitig, auf jeden Fall aber laut. Aber, wie gesagt, das ist alles halb so wild. Ich weiß ja jetzt, dass es ihn noch leibhaftig gibt, den Sohnemann. Wir trafen uns übrigens am Kühlschrank.

Auch Burkhard Spinnens neues Buch handelt von solchen Phänomenen und der Generation Playstation bzw. Facebook. Im Mittelpunkt steht der 17-jährige Computer-Freak Patrick, dem seine Spielpartnerin Nevena, die er im fernen Bosnien vermutet, abhanden gekommen ist. Er denkt an ein Unglück und ist in großer Sorge, da Nevena und er in der Spielwelt ein Herz und eine Seele waren – parallel hatten sie sich per E-Mail über Allerpersönlichstes ausgetauscht. Im Roman steht aber auch die Beziehung von Patrick zu seinem Vater Henner im Mittelpunkt. Nach dem Tod von Patricks Mutter Astrid haben sie sich einander entfremdet. Nicht unbedingt willen- und wissentlich. Aber jeder kümmert sich nur noch um seine Interessen und kapselt sich ab: der Museumsrestaurator Henner in seiner Werkstatt, Patrick in seiner Computerspiel-Welt.

Als Patrick seinem Vater vom Verschwinden Nevenas berichtet, bedeutet das für beide einen Neustart ihrer Beziehung. Mit einem alten Wohnmobil machen sie sich auf einen Trip ins ehemalige Jugoslawien, zunächst nach Mostar, dann nach Sarajevo, den beiden größten Städten Bosnien-Herzegowinas. Hier eröffnet sich eine weitere Lesart des Romans. Über Nevenas Schicksal werden beide mit den Spätfolgen des Balkankrieges in den 1990er Jahren konfrontiert, der allein auf bosnischer Seite über 100.000 Opfer forderte. Überall treffen Henner und Patrick auf Spuren der Verwüstung. Und lernen Personen kennen, die nach wie vor unter den psychologischen Folgen des Krieges leiden. Hierzu gehört auch Nevenas Familie, die lange Zeit in Deutschland gelebt hat und erst kurz zuvor nach Bosnien zurückgezogen ist.

Dies hat Nevena Patrick verheimlicht. In ihren Mails hatte sie den Eindruck erweckt, im fernen Ostblock-Staat zu leben. Ihre Berichte über ihre große bosnische Familie waren, wie sich herausstellt, nichts als abenteuerliche Erfindungen. Nun aber soll Nevena, die in Deutschland aufwuchs und noch immer dort lebt, ihren Eltern in die bosnische Heimat nachfolgen. Für sie wäre das gleichbedeutend mit der Rückkehr in einen Kulturkreis, dem sie sich nicht zugehörig fühlt. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag ergreift sie die Flucht – vor ihrer Familie, aber auch vor Patrick, dem sie unter solchen Umständen nicht begegnen möchte. Währenddessen geht die Suche Henners und Patricks nach einer gemeinsamen Beziehungsebene weiter. Burkhard Spinnen gelingt es, die beiderseitigen Unsicherheiten psychologisch subtil nachvollziehbar zu machen. Henner ist daran gelegen, wieder ein Vertrauensverhältnis herzustellen. Andererseits weiß er, dass sein Sohn auf der Schwelle zum Erwachsenendasein steht und sich ein Abnabelungsprozess vollziehen muss. Eben jenen Abnabelungsprozess macht auch Nevena durch.

Fragen an Burkhard Spinnen

Sie haben das Buch mit Ihrem Sohn geschrieben, wie hat man sich das vorzustellen?
Mein Sohn Caspar hat eine ähnliche Erfahrung gemacht wie meine Figur Patrick. Er hat mir dann später gestattet, seine Geschichte zur Ausgangsbasis für diesen Roman zu machen. Von dem Punkt an, da Patricks Spielpartnerin verschwindet, habe ich allerdings alles erfunden. Bei den Partien des Romans, die im Spiel „spielen“, hat mich mein Sohn dann beraten; zusammen haben wir 2010 eine Recherchereise nach Bosnien unternommen.

Sie porträtieren eine Familie von heute. Jeder macht sein „Ding“, lebt in seiner Welt. Wollen Sie auch hier einen Reflexionsprozess initiieren?
Dass Henner und Patrick „ihr Ding“ machen, ist einer sehr persönlichen Tragödie geschuldet, dem Tod der Mutter. Patricks Flucht in die Computerwelt hat ebenso wie die Nevenas einen konkreten Grund. Ich denke, in Literatur geht es nicht so sehr darum, ein soziologisches Phänomen darzustellen; eher geht es um ganz spezifische, sehr individuelle Einzelfälle, die vielleicht eine exemplarische Funktion haben. Die Welt ist meines Erachtens viel komplexer und leider auch komplizierter, als man sie sich wünschte.

Ist in Ihren Augen die westdeutsche Gesellschaft, speziell die Jugend, zu sehr entpolitisiert? Wollten Sie deshalb mit der geografischen Verlagerung des Themas eine politisch-ethische Sensibilisierung erreichen?
Ich denke, Literatur hat nur selten klar definierte Ziele; sie macht eher auf Verwerfungen und Brüche aufmerksam. Patricks Probleme sind sehr individuell, Nevenas sind sozialer und politischer Natur. Im Netz kommen sie zusammen, „verstehen“ einander. Der Roman zeigt, um welchen Preis das geschieht. Wenn es ein Nebeneffekt des Romans ist, an das ungelöste Problem Bosnien-Herzegowina zu erinnern, ist mir das natürlich sehr recht.

Hat Sie das Computer-Thema wirklich interessiert oder ist es eher ein Aufhänger für eine spannende Handlung?
Ich habe Mitte der 1990er Jahre Bekanntschaft mit Computerspielen gemacht. Ich kann die Faszination, die davon ausgeht, sehr gut verstehen; ja, ich teile sie sogar. Ich denke, in solchen Spielen und dem Umgang mit ihnen spiegelt sich viel vom zeitgenössischen Bewusstsein. Daher sind sie auch für die Literatur von Interesse.

Walter Gödden

Burkhard Spinnen: Nevena. Roman. Schöffling & Co. 2012, 320 S., 19,95 €

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