Autor*innen, Bücher, Entdeckung

Ein produktiver Querdenker

Hans Dieter Schwarze (1926-1994)

 

„Er war ein Einzelgänger“. Ja, sicherlich, aber hat ein Einzelgänger so viele Freunde und Verehrer? Als Schwarze im Münsterer Theater seinen 65. Geburtstag feierte, strömten die Menschenmengen nur so. Weggefährten und viel, viel Prominenz gab sich die Ehre, Schauspielkollegen, Autoren, Freunde – das Theater war bestens gefüllt. „Er war Schriftsteller aus Passion“. Auch das ist unbestritten. Aber eigentlich kam er vom Theater, das seine große Liebe blieb. Die ersten Stationen auf seiner künstlerischen Karriereleiter, die er bis fast ganz oben erklomm, waren das Münsterer Stadttheater, wo er als Regieassistent und Schauspieler begann. Später brachte er es bis zum Intendanten des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel, das durch ihn erst groß wurde. Seine Lust an der Inszenierung fand im Fernsehen und Hörspiel ein produktives Nebengleis. Bei über 150 Produktionen führte er Regie. Als Schauspieler bleibt er unvergessen an der Seite von Sabine Sinjen in dem Münster-Film Alle Jahre wieder, der ein kühles Porträt der Stadt bietet, ein ungeschminktes, ehrliches. Und eben darum ging es Schwarze zeitlebens. Er schrieb keine Wohlfühltexte, sondern kritisch-pointierte Bestandsaufnahmen, in denen er mit sich selbst und mit seiner Heimatstadt Münster, der er in einer Art Hassliebe verbunden war, radikal, sarkastisch und manchmal auch unbarmherzig ins Gericht ging.

Schwarzes literarisches Werk begann mit der Lyrik. Sie erschien zunächst (Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre) in Zeitungen und Zeitschriften wie der Zeit. Schwarze wurde zu Treffen der Gruppe 47 eingeladen und avancierte zum großen Hoffnungsträger der westfälischen Literatur. Seine frühen Texte sind geprägt von den Themen Krieg, Tod und Vereinsamung. Schwarze war bereits mit 16 Jahren als Flakhelfer einberufen worden. Mit 18 Jahren musste er in russischer Gefangenschaft mit ansehen, wie täglich zwanzig und mehr seiner Kameraden zu Tode kamen. Nach seinen Theater- und Fernsehjahren, nach Jahren der, wie er selbst sagte, „Selbstverleugnung“, zog er sich auf seinen in Niederbayern gelegenen „Batzelhof“ zurück und intensivierte seine schriftstellerische Arbeit. Es folgten Erzähl- und Lyrikbände, Theaterstücke, ein großer Roman sowie Aphorismen, in denen sich „HDS“ spöttisch-sarkastisch und selbstironisch mit Gegenwart und Zeitgeist auseinandersetzte. Seinen Vorbildern Ringelnatz, Wilhelm Busch, Peter Hille und Annette von Droste-Hülshoff widmete er mehrere Veröffentlichungen.

 

Indifferent bleiben.
Sich nicht ins Genaue treiben

lassen.
Aus Bechern und Tassen

das trinken
was sich ergibt.

Selten den Damen winken.
Achtsam vermeiden

speziell: was man liebt.
Und: über keinen Menschen entscheiden.

Hans Dieter Schwarze: Hille-Variationen

 

Wer Schwarzes Oeuvre näher kennen lernen möchte, kann zu einem gerade erschienenen, von der LWL-Literaturkommission herausgegebenen Hans Dieter Schwarze-Lesebuch greifen. Oder er kann in Nottbeck im Museum für Westfälische Literatur selbst nach ihm suchen. Fündig wird man beispielsweise unter dem Stichwort „Schmallenberger Dichtertreffen“. Dort erlebt man Schwarze als jungen Rebellen, der gegen die nach 1945 weiterhin gefeierten westfälischen NS-Dichter opponierte – eine weitere Facette im Leben dieses produktiven Querdenkers, der einmal von der „Dreifelderwirtschaft“ sprach, die er betreibe: Theater, Fernsehen und eben die Literatur, der er bis zum Tod verbunden blieb.

Walter Gödden

 

Hans Dieter Schwarze Lesebuch. Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Walter Gödden. Bielefeld: Aisthesis 2013. 165 S., 8,50 €

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