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So kalt der Winter

Winterrejse

so kaolt de Winter
dat de Vüögel fallt
ut alle Wulken
und dat Ies knappt
unner jiäden Tratt

de witte Patt
is wunnerlick
un glatt
Wohen denn nu

de Graute Wagen
steejht ganz still
un wiest
nao Nord-Nord-Ost

Wintertiet un hatte Kost
giff’t dao, ick gaoh
veer Faden in de ännre Richt
wao unnern Schnej
de Sünne liggt
un unnert Ies
de güllne Fisk
mi ankick
graut un still
he wejt, wohen ick will


Winterreise

So kalt der Winter
dass die Vögel fallen
aus allen Wolken
und das Eis knackt
unter jedem Schritt

der weiße Pfad
ist sonderbar
und glatt
Wohin denn jetzt

der Große Wagen
steht ganz still
und zeigt
nach Nord-Nord-Ost

Winterzeit und harte Kost
gibt’s da, ich geh’
vier Faden in die andere Richtung
wo unterm Schnee
die Sonnen liegen
und unterm Eis
der goldne Fisch
mich anschaut
groß und still
er weiß, wohin ich will

 

71 neue Gedichte umfasst Georg Bührens gerade erschienener Band Unnerwegens. Gedichte in niederdeutscher Sprache, der sich der Autor besonders verbunden fühlt. Die er deshalb so schätzt, weil sie lautlich unverbraucht ist und Stimmungen evoziert, die in der hochdeutschen Sprache so nicht zum Ausdruck kommen. Und weil das Niederdeutsche Teil seiner Identität ist. Bühren (Jg. 1955) wuchs auf dem Lande und mit dem Niederdeutschen auf. Die Sprache hat ihn geprägt, hält persönlichste Erinnerungen fest.

Winterrejse ist kein besonders auffälliger Text. Es gibt plakativere, radikalere Gedichte in Unnerwegens. Gedichte der Anklage etwa, die der oberflächlichen Gegenwart einen Spiegel vorhalten: „wat en Gedrüs/… äs schäö das Liäben blouts / ge graute Trumm“ („Welch ein Lärm… / als schlüge das Leben nur / die große Trommel“). Oder: „de haugen Härns / veleist nu dat Gesicht / dat Geld spiält op / to’n lestden Danz / un alle danzet met / in de Kummellge / un dat Volk / kick tou“ („die hohen Herrn / verliern nun das Gesicht / das Geld spielt auf zum letzten Tanz / und alle tanzen mit / in der Komödie / und das Volk schaut zu“). Auch Gedichte voller Ausbruchsgelüste finden sich: „kaimp nu de graute Wut, ick löüt iär dr’ut“ („käm’ nun die große Wut / ich ließ sie raus / gelehrig bin ich lang genug gewesen“). Aber das sind Ausnahmen. Es dominiert ein introvertiert-reflektierender Ton. Im Zentrum steht eine sachlich-nüchterne Introspektion.

Doch es gibt Hoffnung. Sie verbirgt sich in der Poesie selbst: „dat güllne Muorgenraud / halt us wiär aff in’t Liäben“ („das goldene Morgenrot / holt uns wieder ab ins Leben“). Oder: „to’t Inkaupen / schick ick Versföüt’ / üewer de schmale Brügge / nao’n Kaupmann“ („Zum Einkaufen schick’ ich Versfüße / über die schmale Brücke / zum Kaufmann“). Und da sind jene sensiblen, unvergänglichen Bilder, die sich dem Gedächtnis unwiederbringlich eingeschrieben haben wie in „Moders Hoff“ („Mutters Hof“): „hier weiht dien Aohm / hier ligg dien Kraom / sitt in de Müern / dien Lachen no“ („hier weht dein Atem/ hier liegen deine Sachen / steckt in den Mauern dein Lachen noch“). Hinzu kommen Momente unverhoffter Erkenntnis, etwa bei langen Wanderungen durch die Natur. Dann scheinen Bilder wie von selbst auf, sind Zeichen und Deutung eins. Reisen in die fernen USA verfestigen dagegen die Einsicht: „de niien grauten Städte / sind de früömd“ („die neuen großen Städte / sind dir fremd“). Winterrejse verbindet beides: Naturmagie und die ewig neue Frage: Quo vadis.

Walter Gödden

 

Georg Bühren, 1955 in Mettingen geboren, ist Schriftsteller, Hörfunkdramaturg und Dokumentarfilmer. Ab 1978 arbeitete er als freier Autor für die Radio- programme von WDR, RB und NDR. Seit 1987 betreut er als festangestellter Dramaturg beim WDR die Westfälische Hörspielredaktion (hier vor allem die Regie bei niederdeutschen Hörspielen). Filme über Annette von Droste-Hülshoff, Augustin Wibbelt sowie die westfälische Amerika-Auswanderung. Georg Bühren ist Autor zahlreicher niederdeutscher Hörspiele und Theaterstücke. 1991 erhielt er den Förderpreis des Landes Niedersachsen, 1996 den Rottendorf-Preis für niederdeutsche Literatur und 2001 als Lyriker den Fritz-Reuter-Preis für seine Verdienste um die niederdeutsche Sprache.

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