Autor*innen, Interview

Mit einem Rappel in den Wald

Den feinen Kokon unserer Alltagszivilisation verlassen – Oliver Uschmann spricht
über den neuen, gemeinsam mit Sylvia Witt geschriebenen Roman Log Out!


Herr Uschmann, sind Sie ein literarischer Sozialforscher?

Eine Redakteurin und Studentin aus Hildesheim sagte einmal zu mir, ich betreibe „literarischen Kulturjournalismus“. Das hat mir sehr gefallen. „Literarischer Sozialforscher“ ist auch nicht schlecht, auch wenn ich beim Begriff „Sozialforscher“ ungute Assoziationen an bärtige, rauchende Männer bekomme, die schon vor ihrer Studie wissen, was sie herausfinden wollen. Im Alter der Romanfigur Paul bewegte ich mich langsam unter Marxisten, da weiß ich, wovon ich rede. Heute denke ich: Ideologie ist Idiotie. Besonders in der Literatur. Ein „Programm“ verhagelt die Kunst. Nicht aber Humor, satirischer Blick, bewusste Überspitzung. Kunst darf die aktuelle Wirklichkeit zur Kenntlichkeit verzerren. Die konkrete „Sozialforschung“ rund um Log Out! bestand darin, auszutesten, wie ich mich selbst verhalte, wenn ich für eine sehr begrenzte Zeit den feinen Kokon unserer Alltagszivilisation verlasse und versuche, ohne Geld außerhalb der eigenen vier Wände zu überleben.

Sie haben laut Klappentext das Leben im Wald im Selbstversuch getestet. Wie sah das aus?

Diese Idee entstand noch vor dem Roman. Ich brauche so was manchmal, den Kontakt zur Erde, den Ausbruch aus der Schreibtischflut. Meine Frau sagt dann: „Liebchen, wenn du das machen willst, dann mache es.“ Sie hatte 2007 ja sogar die Idee zu meiner Barfußlesereise gehabt, begleitend zum Roman Wandelgermanen. Das war etwas Ähnliches. Ich handle dann allerdings impulsiv und sie planerisch. Es heißt eben nicht nur „Liebchen, mache es“, sondern auch: „Übe vorher, sonst pellt sich dir nach einem Tag die Haut vom Fuß.“ Also entwarf Sylvia damals einen Übungsparcours im Garten, mit Trittfeldern aus verschiedenen Kiesel- und Steinsorten. Im Sommer 2011 lief es dann so ähnlich. Überdrüssig vom „Information Overload“ unseres Berufs als „Medienschaffende“ schulterte ich den Rucksack für mein sommerliches Survival. Die wichtigsten Informationen zum Leben in und aus dem Wald hatte sie allerdings besser parat als ich, obwohl sie daheim blieb und – ebenfalls wie Paul im Buch – den halben Hausstand unter Erfindung witziger und rührender Produktgeschichten auf eBay verkaufte. Ich nahm den Laptop mit auf meine Wanderschaft und begann schnell, ihr davon per UMTS zu schreiben. Die Welt verwandelt sich schließlich in dem Moment, wo sie kein Konsumangebot mehr ist, sondern eine Überlebensressource. Das faszinierte mich. Auch, was mit mir passierte. Hunger macht reizbar, wenn man Satiriker ist aber auch originell. Es entstanden die kleinen Manifeste, die im Roman Pauls feurige Texte in seinem zivilisationskritischen Blog werden. Erst während dieser Zeit entstand die Idee, einen ganzen Roman aus diesem Selbstversuch zu machen.

Sie haben Ihr neues Buch gemeinsam mit Ihrer Frau Sylvia Witt geschrieben. Wie muss man sich das vorstellen?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass wir alle Romane aus unserem Hause gemeinsam schreiben. Log Out! war nun der erste, auf dem es endlich draufsteht. Erdenrund, der sechste Teil der Reihe Hartmut und ich, folgte ihm bloß zwei Monate später. Die Bücher haben vieles gemeinsam. Beide thematisieren das Spannungsfeld vom Er-Fahren (oder Er-Wandern) der Welt im wörtlichen Sinne einerseits und der Erschaffung dieser Erfahrung durch elektronische Kommunikation und Recherche andererseits. Das Internetpublikum in Log Out! kann nicht wissen, ob das, was es durch Pauls Blogs und Videos erfährt, auf seiner Survivalreise wirklich so passiert. Hartmut in Erdenrund kann nicht wissen, dass sein bester Freund gar nicht nach Los Angeles ausgewandert ist, sondern bloß depressiv in einem abgedunkelten Bochumer Zimmer hockt und sein ganzes kalifornisches Leben aus Eindrücken von Google Earth, Spielfilmen und einem Videospiel zusammen montiert. Beide Bücher spielen außerdem mit Erzählstimmen und -formen. In Erdenrund gibt es vier Perspektiven: Beide Männer und beide Frauen verfassen sozusagen jeweils ihr eigenes Buch. Außerdem ist Mail-Korrespondenz sehr wichtig, wie in der Liebesgeschichte zwischen Paul und Sonja in Log Out!, das eben ferner aus Blogbeiträgen, Kommentareinträgen, Forendiskussionen oder eBay-Auktionsgeschichten besteht. Sylvia und ich bauten den Roman nach Ende meiner Outdoor-Erfahrungen aus den vielen Einzeltexten und der simulierten Paul-Sonja-Korrespondenz zusammen. Bei Erdenrund fühlten wir uns aufgrund der Kommunikation zwischen vier in der Welt verstreuten und sich teilweise gegenseitig auch noch anlügenden Charakteren noch mehr wie Collage-Künstler, die am Ateliertisch ein stimmiges Riesengemälde aus lauter lebendigen Einzelelementen montieren.

Paul ist nicht mal zwanzig. Glauben Sie, dass Ihr Buch diese Generation erreicht? Hat Ihre Botschaft eine reale Chance?

Da stellt sich erst mal die Frage: Wie lautet diese Botschaft? Nehmen wir mal an, sie lautet „Geh’ raus, erfahre die Welt, betrachte die Kulisse vor der Haustür als das spannendste aller Spiele“, denke ich, dass sie die junge Zielgruppe erreicht – wenn sie das Buch einmal in der Hand hat. Genau wie der Vorgänger Nicht weit vom Stamm, in dem sich der Protagonist wieder vom alkoholsüchtigen Schläger in den mutigen Abenteurer und „Unternehmer“ zurückverwandelt, der er als Junge mal war, weil er endlich aufhört, sich selbst zu bestrafen. Junge Männer, die das gelesen haben, schreiben uns, wir hätten ihr Leben verändert. Sie müssen es allerdings erst mal entdecken. Das ist schwierig, da sich die Titel von Script 5 bei aller Ambition des Verlags im real existierenden Buchhandel irgendwo zwischen den Schubladen der erwachsenen Belletristik und dem reinen Jugendbuch mit seinem zu kindlichen Image verlieren. Sie werden in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zu Diskursbüchern wie irgendein „Generation XY“-Titel im Sachbuch. Sie funktionieren aber intensiv auf der persönlichen Ebene, von Buch zu Individuum.

Wird Log Out! bereits in irgendwelchen Blogs diskutiert und wie viele Follower haben sie auf Facebook?

Der große Diskurs im Netz blieb aus oben genannten Gründen bislang aus. Wie gesagt, das Buch will erst mal entdeckt werden. Die Facebook-Seite zu Oliver Uschmann hat 2012 „Gefällt mir“-Angaben. Posten wir dort irgendwas, wird es meistens in den nächsten Stunden von bis zu 800 Leuten gelesen, besonders, wenn es sich um einen witzigen Bericht darüber handelt, wie ich in der Biomülltonne meinen verlorenen Schlüssel suche. Die Fanpage zu Oliver Uschmann wird von unserem Praktikanten betreut, der sich zu diesem Zweck eine „normale“ Seite unter dem Namen Paul Planbaum eingerichtet hat (dem Namen der Hauptfigur aus Log Out!). Das ist und bleibt aber auch die einzige Art und Weise, in der sich dieser Roman in die „Wirklichkeit“ des Netzes hinein rankt. Anders als bei den aufwändigen Seiten zu Hartmut und ich haben wir bei Log Out! ganz bewusst darauf verzichtet, die Blogseite und die YouTube-Videos aus der Fiktion auch noch tatsächlich herzustellen. Irgendwo muss Schluss sein. Log Out! eben. Sonst renne ich bald wieder mit einem Rappel in den Wald.

Die Fragen stellte Walter Gödden.

Oliver Uschmann wurde 1977 in Wesel geboren, gehörte in der Schule zu den zehn sonderlichsten Sonderlingen und absolvierte seinen Zivildienst im urologischen OP eines katholischen Hospitals. Er arbeitete bei UPS, brach eine Ausbildung zum Buchhändler nach einem Tag ab, studierte Literatur und Englisch an der Ruhr-Uni Bochum und versuchte dort nebenher, als Punksänger, Demonstrant und Herausgeber eines zornigen Minimagazins die Revolution zu verursachen. Heute lebt er mit seiner Frau Sylvia Witt samt Katzen und Teichfischen auf dem Land und erschafft mit ihr tagtäglich neue Bücher, darunter die Romane der Hartmut-und-ich-Reihe.

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