Autoren, Bücher, Lesungen

Geschichten aus Bernstein

„Nottbeck ist einfach ein schöner Ort.“
Sabrina Janesch bei ihrer Lesung im Museum für Westfälische Literatur

Die inzwischen in Münster lebende Jungautorin ist zurzeit mit ihrem zweiten Roman Ambra auf Lesetournee. Und wie schon beim mehrfach preisgekrönten Vorgänger Katzenberge schwärmt die Kritik für die Zwischentöne, die diese Autorin so meisterhaft und leichtfüßig beherrscht. In beiden Büchern arbeitet die Autorin, wie sie im Gespräch erläutert, auch Themen und Fragen ihrer Identität auf. In Nottbeck gab es nach ihrer Lesung große Anerkennung und zahlreiche Nachfragen zum Bemühen, das Geflecht der deutsch-polnischen Vergangenheit und Gegenwart literarisch angemessen darzustellen.

Sabrina Janesch ist Tochter einer Polin, wuchs aber in Deutschland auf. Solche Voraussetzungen teilt sie mit der Titelheldin von Ambra, der jungen Kinga. Jene erbt völlig überraschend eine Wohnung in Danzig. Kinga wusste bis dahin weder etwas von der Wohnung noch von ihren polnischen Verwandten. Sie reist in die faszinierende „Stadt am Meer“ und lernt ihre neue, alte Familie kennen. Sie bezieht ein Zimmer in besagter Wohnung und schliddert immer mehr in kuriose Situationen hinein. Man erklärt ihr beispielsweise, dass sie für das von ihr bewohnte Domizil (also ihr Eigentum) nicht die vollständige Miete aufbringen müsse, sondern nur die Hälfte. Das Testament, das ihr die Wohnung zuspreche, sei ein Missverständnis gewesen. Alles habe sich ganz anders zugetragen. Doch wie? Es wird uns im vorliegenden Roman auf fast vierhundert Seiten erklärt. Mit Szenen, die in der Gegenwart spielen und Rückblicken, die bis ins 19. Jahrhundert hineinreichen und vier Generationen und rund 150 Jahre umfassen. Es gibt also viel aufzuarbeiten.

Es ist ein höchst lohnenswertes Unterfangen, die in fast überbordender Fülle dargebotenen Erzählkerne zu entwirren. Jede Zeit erzählt ihre eigenen Geschichten. Persönliche Kon- flikte, Bruderzwist, Armut, Krieg, Flucht, vieles Weitere mehr. Zusammengehalten wird die Familiensaga durch ein Bern- steinamulett, das zuletzt bei Kinga landet, halb Glückbringer, halb Fluch. Es ist ein gleichsam magisches Requisit. Anhand einer kleinen Spinne, die darin eingeschlossen ist, kann Kinga in den Erinnerungen anderer Menschen lesen. Es ist dies nicht die einzige mythische Komponente des Romans. Auch das aufgebotene Personal könnte Geschichten aus Tausendundeiner Nacht entlehnt sein. Ambra changiert zwischen Doku- mentation und Märchen, zwischen Mythos und Saga. Dabei wirft der Roman einen intimen Blick auf das Polen der Jetztzeit, das vor allem bei der jüngeren Generation von einem Gefühl der Verlorenheit geprägt ist.

Walter Gödden

Sabrina Janesch wurde 1985 in Gifhorn geboren und studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, sowie Polonistik in Krakau. Neben ihren zwei Romanen kann die junge Autorin auf zahlreiche andere literarische wie journalistische Veröffentlichungen verweisen. Auf Ihrer Homepage befinden sich eine Leseprobe wie auch ein Interview.

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