Bücher, Entdeckung

Wortgewaltig wiederbelebt

Die Blätter fallen, es herbstet vor den Fenstern und nicht wenige nutzen den Tag der Deutschen Einheit zum Kampf gegen das permanente Schlafdefizit. Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können – und wir säßen auch am 3. Oktober wie gewöhnlich schlaftrunken in früh- morgendlicher Dunkelheit, auf dem Weg zur Arbeit…

Ostberlin 2011: Wiedervereinigung? Fehlanzeige. Dieses verrückte Experiment fand 1989 ganz schnell ein Ende. Bevor auch die letzten Genossen abhauen, zaubert Egon Krenz die „Wiederbelebung“ aus dem Hut: die Mauer rasch wieder hochgezogen und die ostdeutschen Bürger mit sozialistischen Konsumartikeln verwöhnt. 22 Jahre später ist die DDR aber endgültig pleite. Höchste Zeit für Verhandlungen mit Bundeskanzler Oskar Lafontaine. Doch dann taucht die Leiche eines ehemaligen Wirtschaftsberaters auf. Einsatz für: Martin Wegener, Hauptkommissar der Volkspolizei. Eigenbrötler, Liebesversehrter, Durchwurschtler. Aber: ausgestattet mit einem genialisch-detektivischen Spürsinn. Mit und in dieser Republik ist er älter geworden. Die mit Rapsöl betankten DDR-Kisten machen das ganze Land zur Frittenbude – und das dringt durch alle Poren irgendwann auch ins Gemüt.

Der Roman Plan D beginnt wie er endet, mit einer sehr männlichen Handlung:

Wegener öffnete den Reißverschluss der Cordhose, zog mit zwei Fingern seinen Penis heraus und entspannte sich. Ein paar Sekunden war es vollkommen still, dann prasselte der heiße Urin auf das trockene Laub, immer schubweise, ein Schwall versiegte, dann kam der neue, wuchs zu einem dampfenden Bogen und verkümmerte wieder, wurde vom nächsten abgelöst. Wegener stellte sich breitbeiniger hin, zählte mit, zum zehnten, zum elften, zum zwölften Mal baute sich der dünne Strahl auf, krümmte sich und ging ein, plötzlich unterbrochen, dann tröpfelte es nur noch.

Tröpfeln wird das Urin auch auf der letzten Seite des Romans, dann allerdings in eben jene Cordhose hinein, die Oberschenkel hinunter, warm und sprudelnd, beschämend und befreiend zugleich. Diese minimale Differenz mag, nach der Lektüre rückblickend, ein zutreffendes Sinnbild sein; zwischen den Buchdeckeln aus dem Schöffling-Verlag steckt jedoch noch bedeutend mehr: Rasanz, Witz, Wortgewalt. Simon Urbans Romandebüt ist rappelvoll mit grandiosen Einfällen, clever konstruiert, realistisch und absurd zugleich, mit akribischer Fantasie bis ins Detail. Die Finten und Volten des Plots sind so zahlreich, dass sie hier nicht einzeln aufzuzählen sind; vor der Kulisse einer DDR im 21. Jahrhundert gelingt Urbans Roman ein unterhaltsames und spannendes Szenario, dessen Auseinandersetzung mit deutsch-deutscher Geschichte von befreiender Leichtigkeit, ungebändigter Erzählfreude und frechem Zynismus geprägt sind. Hierzu tragen neben dem Figurenpersonal, der erzwungenen Kooperation Wegeners mit seinem westdeutschen Kollegen Richard Brendel (der so ziemlich all das ist, was die Mängelerscheinung Wegener nicht ist) und den zahlreichen Seitenhieben auf unsere Gegenwart (Figuren namens Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht und Dietmar Dath werden am Wegesrand sichtbar) maßgeblich die Kreativität und Sprachlust des Autors bei. Insbesondere in der scheinbar unerschöpflichen Kreation moderner Markenprodukten des Realsozialismus (der Werbetexter Urban erzielt hier unzweifelhaft großen narrativen Profit).

Aber so erfolgsgarantierend die Troika von Politik, Sex und Gewalt auch daherkommt: teils leisten die adjektivische und die metaphorische Textgenerierung eine allzu eifrige Übererfüllung, einen ungewollten Überschlag des Effekts. Urbans Erstling verausgabt sich auf 551 Seiten sprachlich teils sehr, aber: ihm geht die Puste nicht aus. Die Pointen zünden, das Timing und Tempo der Dialoge stimmt (meistens). Das ist ungeheure Leistung und auch Genuss bei der Lektüre. Nur ab und zu ist der permanente Wille zur schlagfertig-wortgewandten Komik nicht zu überlesen. Und trotzdem: dem Figurenpersonal scheint dies kaum zu schaden; Abnutzungserscheinungen kaum vorhanden – von wie vielen dickleibigen Thrillern bzw. Romanen zur deutsch-deutschen Geschichte ließe sich dies schon behaupten? Wem dies nun vielleicht zu sehr nach postmodernistischer Konstruktionsmeierei klingt, sei beschwichtig und beruhigt: Im Vordergrund agiert eine Lust am Erzählen, die alle Finessen der Sprache spielerisch zu bewältigen und einzusetzen weiß. So eine fies ätzende und hellsichtig grantelnde (Kopf-)Stimme wie die Josef Früchtls wünscht man der deutschen Gegenwartsliteratur häufiger. Mit aller wohlmeinenden Neugier darf man gespannt sein, wie Simon Urban nach diesem voluminösen und zugleich schnittigen Frachtschiff seinen nächsten Text vom Stapel laufen lässt.

Arnold Maxwill

Simon Urban: Plan D. Roman. Frankfurt am Main 2011. – Sehr zu empfehlen ist ebenfalls ein Blick auf Urbans ideenreich gestaltete Homepage (mit Leseprobe).

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