Interview, Lesungen

Krieg, Streiks und Serienkiller

Hallo Herr Peace:

Was waren ihre Eindrücke auf der Fahrt nach Nottbeck?

Well, es regnete und es war pechschwarz und irgendwie fühlte ich mich gleich an meine Heimat West Yorkshire erinnert.

Viele Autoren entwickeln einen sentimental-melancholischen Blick auf die Orte ihrer Kindheit. Bei Ihnen das genaue Gegenteil: West Yorkshire wirkt in ihren Red Riding Romanen wie ein dantisches Inferno? Was ist schief gelaufen?

Ich empfand das so als, ich den 70er Jahren dort aufwuchs. Es war die Zeit der großen Rezession, die alten Industrien – Kohle, Stahl und Textil – wurden systematisch zerstört, es gab den Krieg in Nordirland, Streiks. Und dann war da noch der Serienkiller, der Yorkshire Ripper. Es war eine tiefschwarze Zeit im Norden Englands. Natürlich habe ich glückliche Familienerinnerungen, aber …alles in allem empfand ich sehr düster.

Sie schreiben detailliert recherchierte Romane über die politische und historische Zeitgeschichte dieser Jahre. Was möchten Sie bewirken?

Ich möchte meine Leser nicht belehren. Ich möchte, dass sie eine eigene Haltung zu den beschriebenen Ereignissen entwickeln. Ich finde aber, dass es wichtig ist, diese Geschichte zu erzählen. Die Geschichte der Rezessionszeit in England genauso wie die der unmittelbaren Nachkriegszeit in Japan. Mich interessiert, warum die Verbrechen gerade zu dieser Zeit und an diesen Orten geschahen. Meine Überzeugung ist, dass nur ein genaues Studium der Geschichte einer Wiederholung vorbeibeugen kann.

Glauben Sie, dass die Thatcher-Jahre England mentalitätsgeschichtlich bis heute prägen? Und ist es deshalb wichtig, sie literarisch aufzuarbeiten?

Ja, und es geht auch nicht um den Yorkshire Ripper, ich rede über die politischen Verbrechen, denen sich niemand stellen will. Die neue Regierung um Camaron wiederholt die gleichen Fehler wieder, und ich muss feststellen, dass niemand etwas aus den historischen Katastrophen gelernt hat.

Welche Funktion hat die Kriminalgeschichte für Sie? Könnten sie sich vorstellen, auch „einfache“ historische Romane zu schreiben?

Das Verbrechen ist ein Weg, den Ort und die Zeit zu verstehen, an dem es geschehen ist. Es geht immer wieder um die Frage, warum die Tat geschehen ist, und die kann nur gelöst werden vor dem Hintergrund der sozialen, ökonomischen und politischen Situation der Zeit. Für mich geht es dem Kriminalroman traditionell darum, das Rätsel des Verbrechens zu lösen. Seine narrative Struktur animiert den Leser dazu, verstehen zu wollen. Während der übliche Mainstream-Krimi nur die Frage stellt, „Who did it?“, ist diese Frage bei mir längst beantwortet. Ich funktioniere die narrative Struktur um und Frage „Warum“ und nicht „Wer“.

Könnten Sie sich dennoch vorstellen, ein stärker subjektives Buch über ihre Kindheitsjahre zu schreiben?

Nein, ich glaube, das wäre uninteressant.

Als Sie die Yorkshire-Romane schrieben, lebten sie in der Megametropole Tokio. Lag dem Schreiben damals auch eine Sehnsucht zugrunde, an heimische Orte zurückzukehren?

Ich denke, dass es wichtig war, die Bücher in Tokio, fern von West Yorkshire zu schreiben. Eines meiner Hauptinteressen ist die Sprache. Ich wollte die Sprache der 70er und 80er Jahren detailgetreu nachempfinden. Hätte ich in Yorkshire gelebt, wäre mir das nicht gelungen. Ich wäre der jetzigen/heutigen Sprache zu nah. Damals in Tokio hatte ich so gut wie keine Kontakte zu Engländern und dadurch war es mir möglich diesen zeitspezifischen Sprachsound und Worte nachzuahmen. Ich hatte Platten, Bücher und Filme aus der Zeit.

Wollten sie durch die Romane auch hre persönlichen Ängste dieser Zeit aufarbeiten?

Ich wollte verstehen, warum es damals so war, wie es war. Aber Schreiben ist immer alles gleichzeitig: Therapie, Gebet und auch eine Form von Exorzismus: Etwas, das sich nicht gut anfühlt, auszuscheiden. Aber wenn jemand es liest, nimmt er es wieder auf. Das ist das merkwürdige Beziehungsgeflecht zwischen Autor, Text und Leser.

In Deutschland steht Provinz und Heimat immer für etwas Intaktes und Unberührtes. Sie stellen eine solche Idee in der Beschreibung des provinziellen Yorkshire auf den Kopf?

Hm, ich schreibe auch über Heimat, über die Orte der Kindheit, aber ich konfrontiere dieses Konzept mit den Verwerfungen der Moderne

Heisst, es gibt keine Idylle mehr?

Ja, aber die gab es noch nie!

Was interessiert Sie an Krisen, Streiks, Rezessionen und Nachkriegstrümmerzeiten?

Ich bin nur in der Lage, über Zeiten und Orte der Niederlage und Krise zu schreiben. Die 70er Jahre waren in meinem Verständnis eine Zeit der Niederlage. Im Norden Englands haben die Bergleute ihren Kampf verloren. Und Tokio – eine noch dramatischere Situation – war besiegt, besetzt und zerstört. Aber selbst in meinem Fußball-Roman The Damned United über den legendären Fussballtrainer Brian Clough, der immerhin zweimal den Europapokal gewonnen hat, habe ich über dessen Niedergang geschrieben. Warum nicht über seine Siege? Weil ich glaube, dass die Niederlagen mehr über uns erzählen und wir durch sie mehr über uns Menschen lernen können. Jeder erlebt in seinem Leben Niederlagen, im Persönlichen und Beruf, und erst durch unseren Umgang mit ihnen lernen wir, wer wir sind.

Verstehen Sie Krise und Niederlagen denn auch als Chance für einen Neubeginn? Ihre Protagonisten, aber auch die Gesellschaft scheint in ihren Büchern ausweglos im Unheil verfangen …

Sicher, nehmen sie den Roman GB84 über die Bergarbeiterstreiks, da gab es kein Happy End, kein Utopia. In der Tokio Triologie ist das anders: der historische Narrativ lautet, dass Japan nach der Niederlage aus eigener Kraft zur zweitgrößen Industrienation wurde.

Themawechsel: Wie ist es, zurück in West Yorkshire zu sein?

Ich finde es schwierig, in England zu schreiben, das ist mein augenblickliches Problem.

Inspiriert Sie dieser Ort hier? Was würden sie hier schreiben wollen?

Dafür weiß ich leider zu wenig über diesen Ort, aber da Unna – wo ich gerade ein paar Tage war – die Partnerstadt meiner Heimatgemeinde in England ist, habe ich ein bisschen recherchiert. Ich fand heraus, dass in Unna die Pest, Kriege und Stadtbrände gewütet haben – eigentlich sehr ähnlich also zum englischen Norden – und das hat mich fasziniert. Jeder Ort hatte seine eigenen Verbrechen und hat geheime, verschwiegene Geschichten, es gibt also überall viel zu erzählen. Wenn mich Leute fragen, warum ich keine Geschichten erfinde, dann antworte ich, dass es soviel verschwiegene, unterdrückte wahre Geschichten gibt, dass wir keine Zeit haben, Geschichten zu erfinden.

Herr Peace, danke für dieses Gespräch

1 Kommentar

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben