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Bernhard lesen in Borken

Antonia Baum: Vollkommen leblos, bestenfalls tot

Vieles wurde über dieses Romandebüt bereits geschrieben. Der große Trubel um ihre Lesung bei den „Tagen der deutschsprachiger Literatur“ 2011 in Klagenfurt, besser bekannt als der Vorlesewettbewerb anlässlich des Bachmannpreises, wird vielleicht noch fern in Erinnerung sein. Genauer gesagt: Nicht Baums Lesung verursachte Trubel im feuilletonistischen Blätterwald, es war vielmehr die nahezu einhellige Kritik und Ablehnung seitens der Jury, welche der 27-Jährigen (unfreiwillig) zu Bekanntheit verhalf. Aber auch ein wortmächtiger Verriss kann ja in diesem Land die Verkaufszahlen befördern… Antonia Baums Retourkutsche, veröffentlicht in der FAS, bescheinigte wiederum den Kritiker- körpern und -köpfen mit ihrem „literaturwissenschaftlichen Kalk“ vollkommene Leblosigkeit. Amüsante Geschichten aus dem Literaturbetrieb, die auf dem feuilletonistischen Dorfplatz natürlich inzwischen wiederum von ganz anderen Themen abgelöst wurden…

Aber zur Sache, d.h. zum Text. Die klassische Frage, an jedes frisch erschienene Buch herangetragen: Worum geht es? Wovon handelt der Roman? Der Verlag Hoffmann und Campe selbst hierzu:

Eine junge Frau bricht auf, aus der Provinz in die Stadt, die Hoffnung auf Veränderung ist groß. Aber schnell stellt sie fest, dass sie nicht frei ist: nicht frei vom Unglück ihrer Eltern, nicht frei von der Angst, die sie in Ketten legt, nicht einmal frei in der Liebe, die sich als Farce entpuppt. Wer nur die Geborgenheit eines Gefängnisses kennt, dem erscheint jede Bewegung als Gefahr. Antonia Baums Heldin gibt jener Generation eine Stimme, die in den unendlichen Möglichkeiten des Glücks und der Selbstverwirklichung verloren ist. Ein erstaunliches Debüt, eine tragikomische Suada und ein ebenso emotionaler wie kühl sezierender Blick auf eine kaputte Gesellschaft.

Der Plot ist in seiner Grundstruktur also klar, vielleicht auch entfernt bekannt (was ja noch kein qualitatives Merkmal gleich welcher Art sein muss). Über die letzten Sätze schmeichelhafter Wertung (und Werbung) wird hingegen noch zu sprechen sein… In sieben Kapiteln schreibt sich der Roman voran, teils durchaus mit einer fesselnden Verve und Geschwindigkeit. Langatmigkeit der Beschreibung – Fehlanzeige. Was jedoch als mulmiger Verdacht sich mit fortdauernder Lesezeit immer mehr manifestiert: Der „Blick auf die kaputte Gesellschaft“ ist als solcher auf unglückliche Weise in die Konzeption des Romans zu sehr hineingerutscht. Auch wenn die formalen Grenzsteine dessen, was ein Roman sei und was nicht heute kaum noch sichtbar sind oder zumindest rein quantitativ bereits seit einigen Jahrzehnten auf Abschiedstournee sind – die Art und Weise, wie Vollkommen leblos, bestenfalls tot verschiedene Themenblöcke, Gesellschaftsdiskurse begeht, begutachtet und teils auch lustlos abgrast, scheint doch zu wenig zu sein, gerade auch aufgrund des enormen sprachlichen Aufwands, der Seite für Seite betrieben wird. Die Kräfte scheinen hier ungleich verteilt.

„diese absurde Ansammlung von Welt“

Die inneren Bruchstellen der Patchworkfamilie, die selbstgerechte Eitelkeit der kreativen Highperformer, das Gefecht der Blickkontakte im Großraumbüro, der Massenbetrieb Universität, die Verlorenheit in der Zweisamkeit, die heuchlerische Verlogenheit des Einzelnen, der sich nie in die Karten schauen lassen möchte, lieber auf Nummer sicher geht und falsch spielt, um sich nicht verletzlich und liebebedürftig zeigen zu müssen – Antonia Baum sichtet, was einer jungen Autorin zu Recht Unbehagen bereitet und auch einen leichten Zorn hervorrufen mag. Die Beobachtungen der Romanfigur sind dabei teils sehr präzise und gewinnen in der Beschreibung kleiner Gesten und Redewendungen auf subtile Weise beeindruckendes Gewicht. Das ist natürlich nicht in Gänze diagnostische Pionierarbeit und in manchen Fällen liest es sich auch mit entsprechender Vorhersehbarkeit, so etwa der polemische Ausfall gegen das zeitgenössische Theater. Da sind auch die allzu häufig aufkommenden Hitler-Vergleiche nicht wirklich ein großer Gewinn – auch, wenn sich der Rezensent natürlich zu vergegenwärtigen hat, dass sich im Buch eine junge weibliche Figur echauffiert. Doch gerade hier liegt vielleicht auch ein Problem: das allzu routinierte Diskursabmähen nähert sich in seiner Abge- klärtheit an vielen Stellen gefährlich nahe jenem dumpf-kaltherzigen Zynismus, gegen den das Buch so vehement in Angriffsstellung geht. Mit der Figur der jungen Frau, die eine dramatische, ja, katastrophische Entwicklung durchmacht, ist dies in Anlage und Ausführung kaum noch zusammenzubringen.

Ein Name wurde in Klagenfurt im Kritikerkreis immer wieder genannt, ja auf eine Art und Weise repetiert, wie sie ihm selbst vermutlich köstliches Vergnügen bereitet hätte: Thomas Bernhard. Der Vergleich ist, liest man nur die ersten zehn Seiten des Romans, sofort naheliegend und evident: das Tempo des Textes resultiert aus den monomanischen Wiederholungen, den Beschimpfungstiraden, der wortreich sich Raum verschaffenden Wut, der schlaufenartigen Struktur der Sätze, welche die Dynamik der inneren Wort- und Denksequenzen nachbilden möchte. Auch die Komposita in Baums Debütroman könnten glatt einem Thomas-Bernhard-Wörterbuch (weshalb gibt es das noch nicht?) entnommen sein: Die Protagonistin sieht sich verzweifelt im „Familiengefängnis“, „Beziehungsgefängnis“, „Arbeitsgefängnis“, „Schwangerschaftsgefängnis“, am meisten jedoch: im „Kopf- gefängnis“. Dass diese auffällige Nähe zur Prosa Bernhards nicht sogleich ein unwiderrufliches Qualitätsmerkmal ist, sollte sich von selbst verstehen. Statt epigonaler Nachdichtung ziehe man doch lieber das Original vor. Mit imitatorischem Fleiß haben wir es bei Vollkommen leblos, bestenfalls tot glücklicherweise nicht zu tun, und auch eine Parodie seines Stils wird es nicht sein – dazu ist der Autorin ihr Anliegen (der „sezierende Blick“) zu wichtig.

Eine Erläuterung dieser teils durchaus ermüdenden Bernhard-Nähe bleibt dennoch notwendig; nicht grundlos war schließlich die Aufregung. Sich dieser literarischen Mittel zu bedienen – das hat Hubert Winkels, der seine Begeisterung für den Roman verteidigen musste, ganz richtig konstatiert – ist zunächst einmal nichts Verwerfliches. Im Gegenteil, es kann höchst produktiv sein, siehe bspw. Wäldchestag und Klausen von Andreas Maier. Was Baums Roman (bzw. ihrem Schreiben noch) fehlt, ist eine ausreichende Sicherheit und Entschlossenheit in der Wahl und Dosierung ihrer literarischen Mittel. Neben einem auf Dauer im Lesen nicht mehr zu ignorierenden Überdruss an bernhardschen, d.h. mit fremder Stimme auftretenden Suaden ist es auch ein leichtes Misstrauen gegenüber manchen Metaphern und Beschreibungen, welche aufgrund der energetischen Überschüsse der Sprache zwar in jedem Falle der Kitsch-Gefahr entkommen sind (was ein wichtiges Anliegen gewesen zu sein scheint), nichtsdestotrotz aber in manchen Fällen verunglückt wirken. Und Letzteres kann, im Gegensatz zur gelegentlichen Banalität der Wuttiraden, nicht mehr ins Konzept der literarischen Figur integriert werden. Der Text möchte hier an manchen Stellen zu viel (und seine Autorin scheint auch nicht immer gewusst zu haben, was dies denn sei).

Den Text radikal um 100 Seiten zu kürzen, wie es mancher Rezensent vorschlug, um ihm doch noch eine gewisse Qualität zusprechen zu können, zeugt einerseits von einer gewissen Unangemessenheit, andererseits ist das Problem hier indirekt benannt: Der Text changiert teils zwischen verschiedenen Schreibhaltungen; oft erläutert er Situationen, die sehr prägnant und pointiert ins Auge des Lesers stechen, breitet sie also nachträglich nochmals aus – und beraubt sich so selbst seines gewaltigen inszenatorischen Effekts.

Das Lob desjenigen, der mit einer gewissen Lebenserfahrung, einer Gewandtheit und erprobtem Selbstverständnis (gerade auch im Literarischen!) das Schreiben einübt – Martin Mosebach sang es für Sibylle Lewitscharoff anlässlich des Verleihung des Bachmannpreises 1998 –, es sei hier in Erinnerung gerufen. Ohne mahnende Pädagogisierung, ohne einen Generalverdacht gegenüber in jungen Jahren erfolgreichen Autorinnen und Autoren. Es hat oft zumindest einen Vorteil: Man wird sich selbst gegenüber kritischer, lässt eigene Gegenstimmen zu, prüft und sucht akribischer, findet aber auch den Mut, das eigene Konzept, die eigene Vorstellung konsequent auszuführen. In diesem Sinne darf man auf Antonia Baums zweites Buch durchaus in freudiger Neugier gespannt sein. Aber nach der Masterarbeit, bitte.

Arnold Maxwill

Antonia Baum, geboren 1984 in Borken, studiert Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. Sie veröffentlichte einige  Kurzgeschichten. Ihr Romandebüt erschien 2011 bei Hoffmann und Campe (239 S., 19,99 €).

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