Autoren, Entdeckung

Der schwarze Baal

Paul Zech (1881-1946) war einer der umtriebig-rastlosen Schriftsteller, dessen Werk sich im Nachhinein kaum als geschlossenes darstellen lässt. Zu komplex und vielschichtig ist seine literarische Produktion von knapp 40 Jahren; bedingt natürlich auch durch die Turbulenz des Lebenslaufs zwischen und inmitten zweier Weltkriege. Paul Zech hinterlässt 11 Romane, etwa 20 Novellenbände sowie knapp 30 Dramen und ebenso viele Gedichtbände. Hinzu kommen noch die zahllosen Essays Zechs sowie seine Nachdichtungen aus dem Französischen, insbesondere François Villons; bekannt ist dem heutigen Ohr hiervon allenfalls noch die Zeile „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ – Klaus Kinski und seinen Vertonungen auf gleichnamiger CD sei Dank.

Paul Zech als der sogenannte „Arbeiterdichter“ bzw. „Industriedichter“, besonders er soll hier im Spotlight stehen. Die Darstellung seiner Biografie hingegen wäre beinahe schon ein Spielfeld für sich: Zech verstand es, die geforderte Genauigkeit und Treue zur Faktizität immer wieder neu munter zu umlaufen, mit Geschichten, ja Fabeln anzureichern – stets einem inneren Bedürfnis, teils auch äußeren Notwendigkeiten geschuldet (Zech war ja wahrlich nicht der einzige, dem in der ersten Hälfte des 20. Jh. eine gewisse Freizügigkeit und flexible Lust zur komplikationsfreien Anpassung des eigenen Vergangenheitstextes nötig erschien; ob nun angesichts reeller Gefahren oder als Teil strategischer Inszenierung). Fest steht: In den ersten zehn Jahren des noch neuen Jahrhunderts arbeitete Zech immer wieder für längere Zeit in Bergwerken – im Ruhrgebiet ebenso wie in Belgien und Nordfrankreich. Die literarische Beschäftigung mit den Gefahren, den Entbehrungen und Ungerechtigkeiten der industriellen Arbeitswelt findet ihre Motivation also in den nachwirkenden Erinnerungen, im Erlebnisspeicher namens Gedächtnis. Die schwarze, monströse Welt des Bergbaus, die unausgesetzte Fortdauer des Leidens, das in seinen Wirkmechanismen kaum näher durchschaut werden kann: Zech versucht es in seinen frühen Novellen wie Der schwarze Baal (1911), zu finden auch im gleichnamigen Novellenband (1917), mit sehr präziser Optik und wortmächtiger Darstellungskraft zu fassen:

Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!

Wie ein dichtes Schneegestöber fuhr dieses flockige Rufen über das Dorf, immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch den Schacht gestoßen hatte und von jenen Männern, die ihr Bündel heiler Knochen Tag für Tag auf die blutrostigen Böden der Förderschale legen mußten, sich irgend einen, oder ein Dutzend oder Hundert auswählte zum Fraß und den Rest wieder von sich gab wie einen ausgedörrten Kothaufen.

Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!

Die zwischen der leitmotivisch wiederholten Wehklage anklingende sozialkritische Absicht intensiviert Zech gerade durch ein nicht rein naturalistisch verfahrendes Aufzeigen der faktischen Missstände, sondern in Form einer sich mythischer Elemente und Bildervorräte bedienenden Erzählweise. Mit anderen Worten: Gerade in der nichtrealistischen Erzählweise gelingt es Zech, pointierte Wirkung, eine auf poetischen Umwegen agierende Form der Wieder-Kenntnis des Realen zu erzielen. Durch die Mittel der Literatur erscheint die Wirklichkeit plötzlich in schärferer Kontur. Was der deutschsprachige Naturalismus (Arno Holz, Johannes Schlaf) seit den 1890er Jahren auf ganz andere Weise, doch mit selbiger sozialkritischer Intention versucht hatte, hier funktioniert es – gleichfalls und gelegentlich auch, so der Leseeindruck, mit überzeugenderer Dramatik (der Sprache; nicht des Plots).

Gleichwohl lässt Zech die literarische Erörterung und Sichtung des durch die Gesellschaft selbst verursachten Elends der Bergbauarbeiter nicht aus dem Blick. In knappen Beschreibungen gelingt es ihm, die Abhängigkeiten und die Entfremdung dieser beinahe Entrechteten, lebensweltlich Ausgestoßenen aufzuzeigen: Die Witwen der Bergmänner im „schwarzverlogenen Gewand“ wiegen während der Beerdigung in ihrer (öffentlichen) Trauer bereits „in der Rechten den Goldklumpen der Unfallprämie“. Ihr Leben verbringen sie, wie Zech es düster in Ruhrberg (1925) schildert, in der Stadt – nicht jenen urbanen Zentren der individuellen, kreativen, aber auch wirtschaftlichen Entfaltung und Entwicklung, wie wir sie heute kennen, sondern in einem „Gehäuse aus Stein gemengt mit Rauch, Gestank, Elend und Pestbeule“. Ein, wie Zech in dem ihm eigenen Pathos schreibt, „Dasein zwischen Leben und Tod“. Und auch die folgende literarische Inszenierung ist nicht ganz frei von einer (glücklicherweise teils wiederum mythisch umkleideter) Drastik, welche vor allem ein Ziel hat: den Menschen zu zeigen als bedrohten Einzelnen, überwältigt von den vielfältig ausgestalteten industriell-finanziellen Kräften räuberischster Art:

Der entmenschlichte Schädel regiert absolut. Von seinen Bartwülsten tropfen unbarmherzig hart die Todesurteile. Er stößt, wie seine Launen wollen, Arbeiterheere in den Schacht, und, murren sie auf, in Bataillonen auf die Folterbänke des Hungers, ätzender Säure zum Fraß. Dann sind sie nicht Herr des Hemdes am eigenen Leibe, Kreditgeier umkrallen ihre Gurgeln und würgen sie, gestützt von hohler Obrigkeit, in die Selbstmördergruben an kahler Kirchhofsmauer. Proletarier sind überall gezeichnet mit dem Brandmal eines schlecht beratenen Gottes. Aber diese Elendsmasse hier –: Der Teufel noch erbleicht vor soviel Umgestaltung alles Menschlichen zum Schandfleck der Hölle.

Eindringlicher ließe sich diese als tragisches Schicksal präsentierte Arbeitswelt des Bergbaus kaum darstellen; Zech weiß sehr genau die ihm zur Verfügung stehenden literarischen Mittel einzusetzen, um eine suggestive Energie zu erzielen, derer man sich lesend kaum entziehen kann. Nur in ihren gelegentlichen Überschüssen grenzen Zechs Texte, lyrischer wie prosaischer Form, an eine Pathetik, welche teils zumindest einem zu starken Einfluss der sozialistisch-widerständigen Empörung auf das literarische Schreiben geschuldet ist. Das ideologisch Virulente, Fragmentarische und Unübersichtliche der 1910er und 1920er Jahre, das sich bei zahllosen Schriftstellern dieser Zeit aufspüren lässt, zudem aber auch ganz massiv die Schrecken des Ersten Weltkrieges an der Westfront finden bei Zech – nachzulesen in seinen Briefen, beispielsweise an den Freund Stefan Zweig (ja, den Autor der Schachnovelle) – eine Absicherung, eine aber nicht von Zweifeln ganz befreite Orientierung im Religiösen.

Vieles weitere bleibt hier natürlich unerwähnt: Zechs Kontakt zu Else Lasker-Schüler, welche ihn letztlich zum Umzug von Wuppertal nach Berlin ermutigen konnte; Zechs dortigen umtriebigen publizistischen und verlegerischen Aktivitäten, auch im Kreise der Berliner Expressionisten (in Kurt Pinthus’ bis heute sehr lesens- und empfehlenswerter Lyrik-Anthologie Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung ist er mit 13 Gedichten vertreten); unerwähnt zudem Zechs Jahre im argentinischen Exil ab 1933. Paul Zech starb am 7. September 1946 in Buenos Aires, kurz nachdem er frühmorgens vor seiner Wohnung zusammengebrochen war.

Arnold Maxwill

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben