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Exilwestfale auf Heimaturlaub

Rückzug in die Natur, ins ländliche Idyll, mitten ins Grüne, weit weg von jeglicher Zivilisation. So stellt man sich die Arbeit der großen Dichter der Vergangenheit vor. Was zunächst nach altmodisch-romantischer Genie- ästhetik klingt, ist tatsächlich gar nicht so antiquiert und unzeitgemäß, wie es auf den ersten Blick scheint.

Der aus Hamm in Westfalen stammende Autor und Verleger der Literaturzeitschrift [SIC], Christoph Wenzel, entschied sich, wie schon voriges Jahr, eine Woche zurückgezogen auf dem Kulturgut Haus Nottbeck zu verbringen und sich ganz der Lyrik zu widmen. Anders als in den sogenannten Aufenthaltsstipendien, welche Künstlern nach vorangegangener Bewerbung für mehrere Monate die Möglichkeit bieten, sich intensiv mit einem Projekt zu beschäftigen, arbeitete der heute in Aachen lebende „Exilwestfale“ auf Einladung von Walter Gödden ein paar Tage auf dem Kulturgut.

Diesmal ohne ein konkretes Projekt, sondern in der Absicht, Ordnung in Skizzen und unfertige Projekte zu bringen. Um sich einfach mal Zeit zu nehmen und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, „ohne den brotberuflichen Kontext als Filter“ mit sich herum zu tragen. Gemeint sind damit Wenzels Anstellung an der Universität Aachen und seine Tätigkeit als Verleger. Für die eigene Lyrik bleiben da meist nur die Abendstunden.

Das behält er auch während seines Aufenthalts auf dem Kulturgut bei. „Auch hier bin ich erst abends produktiv.“ Trotz des schönen Wetters und der vielen schönen locations auf dem Kulturgut – hinter dem Gartenhaus auf der Terrasse direkt über der Gräfte denkt man tatsächlich an die romantischen Dichter zurück – arbeitet Wenzel nicht in freier Natur. Der Schreibtisch – ein Muss. Genau so wie das Gefühl, zu Hause zu sein. Auch das findet er auf dem Gut mitten in Westfalen.

Wenzel selbst sieht sich als Westfale. Besonders, wenn er in Aachen als solcher auffällt – als „Exilwestfale“. Aufgewachsen in Hamm, quasi im Grenzgebiet von Ruhrpott und Münsterland, mischen sich bei ihm rheinischer Singsang und westfälische Mundart. „Man kokettiert mit dem Westfälischen, allerdings ohne ernsthaften Lokalpatriotismus.“ Da kehrt man den „Jaust“ besonders bei der Zusammenarbeit mit dem aus dem Ermland (Polen) stammenden Autor Adrian Kasnitz heraus. Wenzel und Kasnitz geben kommenden Herbst die Anthologie Westfalen, sonst nichts? mit Werken junger westfälischer Lyrikerinnen und Lyriker heraus.

Etwas Westfälisches präsentierte Christoph Wenzel auch auf dem Kulturgut im Rahmen der Literaturperformance „roterfadenlyrik spezial“, einer Zusammenarbeit von deutschen und niederländischen Autoren. Er las eigene Gedichte, die während seines ersten längeren Aufenthalts in Nottbeck entstanden waren und von der damaligen Atmosphäre inspiriert sind. Zu finden sind einige der Texte in Wenzels gerade erschienenem Gedichtband weg vom fenster – als Band 6 der Reihe roterfadenlyrik.

Claudia Ehlert

Die Verfasserin dieser Zeilen absolviert zurzeit ein Praktikum auf Haus Nottbeck und nutzte diese Gelegenheit zu einem Interview mit Christoph Wenzel.

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