Autoren, Entdeckung, Porträt

Westfalen als Schicksal

Vor wenigen Tagen wurde der in Versmold geborene Schriftsteller und Literaturwissen- schaftler Hans-Ulrich Treichel 60 Jahre alt. Gelegenheit zum Blick auf Werk und Leben.

Liest man (noch mal) in den Romanen und den frühen Erzählungen Treichels, streift durch die Interviews, so wird eines immer ziemlich schnell deutlich: Westfalen lässt ihn nicht los. Von diesem „Niemandsland“, das sich vor allem „durch Abwesenheit von besonderen Eigenschaften“ hervortut, muss Hans-Ulrich Treichel immer wieder reden und schreiben – obschon er bereits 1972, mit zwanzig Jahren, zum Studium nach Westberlin zog (floh?) und dort bis heute lebt und arbeitet. Was nun wie ein unsäglicher Fluch wirken muss, ist letztlich für einen Schriftsteller ein nicht zu unterschätzendes Geschenk; Treichel weiß dies sehr genau. Im Interview mit Heinz Blumensath spitzt er diesen Wirkmechanismus zwischen Westfalen und poetischer Produktivität zu: Erst aus der erzwungenen Orientierung in diesem leeren, erfahrungskargen Raum namens Westfalen sei er unter anderem zum Schreiben gekommen. Denkt man an Treichels erzählerischen Anfänge zurück – zuvor hatte er sich bereits mit mehreren Gedichtbänden, u.a. im Suhrkamp-Verlag, einen veritablen Ruf als Lyriker erarbeitet –, so stößt man sogleich auf diesen Problemkomplex. Seine als ‚Berichte‘ bezeichneten Prosastücke in „Von Leib und Seele“ nehmen ihr Ziel gleich zu Beginn fest ins Visier: „Der Ort, an dem ich geboren wurde und der einmal als DIE STADT DER WÜRSTE UND SCHINKEN in die Geschichte Ostwestfalens eingehen wird, war für mich nichts als eine trübsinnige Ansammlung von Zweifamilienhäusern und Umgehungsstraßen, von Möbelgeschäften und Fleischereien. Und die Menschen, die diesen Ort bevölkerten, erschienen mir immer als äußerst verschlossene und mißgünstige, einzig dem Gelderwerb und dem Alkohol ergebene Wesen, die mit mir, der ich durch eine bloße Laune des Schicksals in diese Welt hineingeraten war, nicht das mindeste verband.“ Das Groteske, das in späteren Texten Treichels ein Spur subtiler auftreten wird, ist hier mit einem überdeutlichen Gestus der teils aggressiven Ablehnung, der Abwehr verknüpft; eine Distanz und Diskrepanz, die bei aller Komik ihre Irritationskraft nie ganz verlieren wird. Zugleich ist aber darauf hinzuweisen, dass all dem nicht notwendigerweise ein autobiografischer Erfahrungsfundus, ein subjektives Aussprachebedürfnis zugrundeliegt, im Gegenteil: Gerade im Ineinander von profaner Provinzgeschichte und poetischem Gedankenspiel findet das Treichelsche Erzählen neue Darstellungsweisen, neue Zugriffe, beispielsweise zu einer Geschichte der Emotionen in Zeiten eines Wirtschaftswunders, das vor allem panisch um ein Vergessen aller seelischen und psychischen (Kriegs-)Verluste bemüht ist.

Das Komische und das Tragische, Lakonie und Ironie

Einen anderen Aspekt, eine ebenso wichtige Perspektive und Motivation seines Schreibens nennt Treichel im O-Ton: „Man möchte Varianten des eigenen Lebens erzählt bekommen.“ Die Erzählhaltung in seinen Texten ist somit, vertraut man neben eigenen Leseerfahrungen der Selbstaussage des Autors, keineswegs eine autobiografische; vielmehr findet eine „Erfindung des Autobiographischen“ statt, um eben über den schönen Umweg der Literatur eine eigene Biografie herbeizuschreiben. Ein Konzept, dass sich durch die Formulierungen Treichels gleichsam unter der Hand in eine Poetik zu verwandeln scheint. Zu Recht? Das sei dahingestellt; es kann hier nicht abschließend beurteilt werden. Hilfreich (und mit Genuss lesbar) ist hier in jedem Falle der oftmals lakonische Tonfall, in dem Treichel die Seltsamkeiten und die Katastrophen des alltäglichen Lebens zu präsentieren weiß. Dass die Texte aber zugleich oft mit einem saftigen Quantum an Sarkasmus und Selbstironie versehen sind (hinter dem sich in der poetischen Konstruktion ein Gemenge von Schuld, Scham und einer gewissen Traurigkeit versteckt), zeigt folgende Passage: „Um mich von den Bedrückungen meiner Kindheit zu befreien, habe ich mich verschiedenen psychotherapeutischen Behandlungen unter- zogen, so daß zu den Bedrückungen meiner Kindheit die Bedrückungen meiner verschiedenen Psychotherapien hinzuge- kommen sind.“ Was sich hier entfaltet, mäandert gewissermaßen durch zahlreiche seiner nachfolgenden Romane und Erzählungen; man wäre beinahe gewillt, von einem „Treichel-Ton“ zu reden. Doch das wäre zu arges feuilletonistisches Wortpathos. Also, ein wenig präziser: Was sich in Treichels Prosa so einschmeichelnd, beinahe unbemerkt im Ohr des Lesers festsetzt, ist eine eigentümliche Mischung von teils doppelbödigem Witz, heiterer, teils auch grotesker Komik und gelegentlich tragischer Melancholie, grundiert und rhythmisiert durch eine musikalische, vermeintlich leichtfüßig formalisierte und dynamisierte Sprache, die die Leseerfahrungen des Autors an der einen und anderen Stelle mit stummem Gruß durchscheinen lässt. An wen oder was wäre da zu denken? Beispielsweise an Thomas Bernhard, die teils monomanen, sich lustvoll und exzessiv ausweitenden Sprachsuaden seiner Romanfiguren – wobei Treichel freilich in einer etwas höheren, leichteren Tonlage zu schreiben scheint, ohne jene zumindest vordergründig bei Bernhard spürbare Lust am Destruktiven. Zudem natürlich an einen Autor wie Wolfgang Koeppen, dessen Nachkriegstriologie („Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“, „Der Tod in Rom“) der 1950er Jahre zum literarisch und formal Spannendsten gehören, was in dieser Dekade (und darüber hinaus!) erschienen ist – Treichel promovierte 1983 mit einer Arbeit über ihn und beschäftigte sich zudem mit dem biografischen Phänomen des Koeppenschen „Schweigens“, das lange Jahre wilde Vermutungen sprießen ließ. Doch das alles können (und wollen) an dieser Stelle hier nur Hinweise, Konturen, Skizzen sein.

Die Vergangenheit ist nicht vergangen

Für Treichel ist die Vergangenheit keineswegs vergangen, im Gegenteil: er arbeitet sich, wie er André Hille im Interview gesteht, „unendlich daran ab, um die Gegenwart auszuhalten.“ Freilich ist in solchen Statements immer die inszenatorische Freiheit des fantasiebegabten Autoren zu berücksichtigen, der sehr wohl weiß, wie er von sich als Ich sprechen kann und möchte. Wenn Treichel die Mauer um Westberlin hochironisch als rettenden „antiwestfälischen Schutzwall“ wahrnimmt, ist dies zugleich Hinweis auf eine Gewaltsamkeit der Zeit, der Herkunft – in diesem Fall: der Heimatlosigkeit –, die sich nur erzählend bewältigen lässt, ohne dabei jedoch therapeutisch wirken zu müssen (das, so würde wohl auch Treichel sagen, wäre eine dezente Überforderung der Literatur). Ihre eigene Verve gewinnt diese an einer diffusen Biografie (oder vielmehr deren Leerstellen) orientierte und diese befragende Prosa Treichels durch das virtuose Spiel: Einerseits das kundig-lustvolle Spiel mit der Sprache, mit verschiedenen Erzählhaltungen (dem gelegentlich, jedoch nie unangenehm, der Kenntnis- und Lesereichtum des Germanisten anzumerken ist), andererseits das freche, aber auch forschende Spiel mit Versatzstücken des Wirklichen, des vermeintlich Geschehenen oder nur Erinnerten in Konfrontation mit den erfinderischen Gegenentwürfen der Erzählung. Hier treibt Hans-Ulrich Treichel unermüdlich einen Dialog fort, der sich (wie schon die Prosa Koeppens) vor allem an Fragen, offenen Unwägbarkeiten, Unstimmigkeiten, Unsicherheiten festhalten möchte und die finalen, die sättigenden Antworten klugerweise scheut (sie wären das Ende einer bestimmten Art des Erzählens). Auch die omnipräsente Frage nach – oder besser: beständige Befragung von – Identität findet nur in der literarischen Form eine befriedigende Ausführung. Das Gehende, also das sich Bewegende, Flüssige, auch Komische der Erzählung ermöglicht erst, bestimmte Konstellationen, Fragestellungen und Denk- prozesse auszubuchstabieren. In Treichels Fall sind diese oftmals verbunden und kombiniert mit einer leichtfüßigen Erprobung und Ausdifferenzierung des Erzählens, des treffenden Tons (dem ich an dieser Stelle ganz bestimmt keinen Namen geben möchte); dies gewissermaßen im Gleichklang galant und unterhaltsam, kurzweilig und anspruchsvoll Buch für Buch zu leisten, darf als Treichels große, lobenswerte Leistung angesehen werden.

„Ich werde erst schreibend autobiographisch.“

Was steht dahinter? Welche Vorstellungen und Motivationen bestimmen Treichels Schreiben? Neben dem generellen Abschied von ‚großen Gewissheiten‘, wie er von den Wissenschaften, der Kunst und auch der Politik schon oft prognostiziert und diagnostiziert wurde (die Gegenwart als schwieriger Patient auf dem Behandlungsstuhl) kommt spezifisch bei Treichel ein Zweifel an der Wirklichkeit aller Erfahrung, an der vermeintlich unwiderlegbar authentischen Selbst-Gewissheit des Einzelnen hinzu. Im Interview mit André Hille erläutert er die Konsequenzen diesen anhaltenden Zweifels: „Ich bekomme erst ein biographisches Kontinuitäts- und Substanzgefühl, wenn ich etwas zu meinem empirischen Leben hinzu erfinde. Ich werde erst schreibend autobiographisch.“ Was hier kokett die gängigen Usancen zwischen Fakt und Fiktion aufzuheben und zu verkehren gedenkt, korrespondiert mit den bisherigen Entdeckungen im Treichelschen Schreiben: Der Mangel, die Leere sind konstitutiver Bestandteil einer Selbstermächtigung zu poetischer Fülle. Gerade im ironisch-lakonischen Spiel mit gängigen Vorstellungen von Biografie und Autobiografie gewinnen die in vielen Details an den Schriftsteller Treichel aus Ostwestfalen und seine (Familien-) Vergangenheit erinnernden Figuren ihre ganz eigene Spielfläche, von welcher aus in der Lektüre sich ein Panorama der Mentalitäten und Selbst-Entwürfe sehr offener, fragiler Art generiert. Die vermeintliche Nähe zum Menschen Hans-Ulrich Treichel ist eine kunstvoll produzierte; in ihr lesen wir vor allem (über den Umweg des Textes) in uns selbst – und in den Eingeweiden der Gegenwart, der jüngsten und der just vergangenen.

Über vieles ließe sich noch sprechen: seine Italienreisen, diesen klassischen Topos der deutschen Literaturgeschichte und seine ganze eigene Darstellungs- weise bei Treichel; über seine Initiation als Prosaschriftsteller in römischer Sommerhitze (was freilich zugleich auch die Inszenierung einer Autorengeburt ist); über die Freuden und Schwierigkeiten der Vermittlung vom Schreiben und der Literatur als Professor am Literaturinstitut in Leipzig. Und nicht zuletzt natürlich über seine Bücher: die Figur des verlorenen Bruders, welche sich durch mehrere Texte zieht; die in Variationen sich metamorphosierende Familiengeschichte; die Kunst des reflektierenden Schreibens, der die Lust am Erzählen nicht abhanden- kommen soll.

Letztlich bleibt nur: die Einladung, Hans-Ulrich Treichel zu lesen.

Arnold Maxwill

Hans-Ulrich Treichels Bücher im Suhrkamp-Verlag, eine Auswahl: Von Leib und Seele. Berichte, 1992; Der Verlorene. Roman, 1998; Der Entwurf des Autors. Frankfurter Poetik-Vorlesungen, 2000; Der irdische Amor. Roman, 2002; Menschenflug. Roman, 2005; Der Papst, den ich gekannt habe. Erzählung, 2007; Anatolin. Roman, 2008; Grunewaldsee. Roman, 2010.

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