Autoren, Interview

Schreiben bedeutet Warten

Martin Becker

 

„Jeder Text ist immer tatsächlich ein neuer Kampf“
Martin Becker – Prosa- und Hörspielautor

„Am Ende dieser Tage hat man oft den Eindruck, gar nichts getan zu haben, was natürlich Quatsch ist, weil Schreiben auch ganz oft so ist, dass man schreibt, auch wenn man nicht schreibt. Man hat aber trotzdem oft das deprimierende Gefühl, wie so ein Asi den ganzen Tag nichts getan zu haben. Aber Schreiballtag heißt auch, sehr viel Geduld zu haben und eben nicht zu schreiben.“

„Mein Ideal wäre: Es ist nur der Laptop da und nur die zwei, drei Notizblätter, die man mit spitzen Fingern nimmt und liest, bevor man anfängt zu schreiben. Das ist aber eben nicht so. Es türmen sich Belege, Unterlagen, Zeitungen, Papiere, Steuererklärungen, die schon zum fünften Mal angemahnt wurden. Alles türmt sich so meterhoch. Manchmal ist es so, dass das ganze Zimmer voller Papier ist und ich erst aufräumen muss, bevor ich wieder arbeiten kann.“

„Ich will mal über einen Hundezüchter schreiben, ich will mal über einen Nachtzugschaffner schreiben, weil ich Eisenbahnen und Hunde toll finde. Das sind so die Dinge, die mich irgendwie interessieren. Und ich möchte halt möglichst viel möglichst einfach beschreiben. Zum Beispiel mag ich das alte tschechische Landleben sehr gern (…) Es ist sehr schwer, zu so einer Einfachheit zu kommen. Aber das ist das, was mir irgendwie so vorschwebt. Es darf natürlich auch nicht langweilig werden. Aber dass man da trotzdem so eine schlichte, gelassene schöne Sprache hinkriegt, das wäre mein Schreibwunsch.“

„Ich habe ja das ungeheure Glück und den ungeheuren Luxus – und weiß das auch sehr zu schätzen –, genau das machen zu können, was mir Spaß macht. Ich langweile mich bei der Arbeit nie – und das kann man mit Geld nicht bezahlen. Selbst wenn ich jetzt irgendwie einen Job hätte, wo ich viel mehr Geld bekommen würde, aber ich mich  furchtbar langweilen müsste, würde ich immer das Leben wählen, das ich gerade habe.“

Martin Becker, geboren 1982, aufgewachsen im Sauerland, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig Prosa und Dramatik. 2007 erschien sein Erzählband Ein schönes Leben. Das komplette Interview findet sich hier.

 

 

1914

Brocken wühles Feld

Blick in die Ausstellung (21)

 

 

 

August Stramm

Kampfflur

Glotzenschrecke Augen brocken wühles Feld
Auf und nieder
Nieder auf
Brandet
Sonne
Steinet Sonne
Und
Verbrandet.

 

 

 

 

1914

Die Hölle von Verdun

Blick in die Ausstellung (20)

Paul Zech

Brief an Stefan Zweig

Nordfrankreich, den 12/7 1916

Mein lieber Freund,

ich hatte nie geglaubt, daß die Hölle von Verdun noch zu überbieten gewesen wäre. Ich litt dort furchtbar. Nun es vorbei ist, darf es ausgesprochen werden. Aber nicht genug: nun sind wir an die Somme verschickt worden. Und hier ist alles gesteigert: Haß, Entmenschlichung, Grauen und Blut.

Noch ein paar Tage weiter, und ich bin zuende mit meiner Kraft. Die Probe ist bestanden in den Wochen des März, Mai und Juni. Aber jetzt ist doch alles auf die abwärtssinkende Linie gestellt. Der ehrliche Kampf und das gespannte Halten, das Hoffen und der Glauben. Ist überhaupt noch Gott? Ja –: ich war verschüttet; 30 Kameraden erschlug der Granatenhagel im selben Dorfquartier: ich blieb leben. Lebe noch. Und der Tod ist doch hier nahe wie die Luft die man atmet. Gott lebt. Gott ist um und über uns. Das kann mich noch halten. Gibt mir den Trost, daß jetzt bald das Ende ist. Oder wir sind alle nicht mehr Mensch, nicht Brüder Abels, sondern die Schuld aller Schuld.

Ich weiß nicht mehr wie es noch werden kann mit uns, ich wollte Sie nur noch einmal grüßen. Vielleicht ist es der letzte.

Herzlich beide Hände
Ihr Paul Zech

 

Entdeckung

Es wird Frühling

Frühling

 

 

Frühling

Es wird Frühling – alles schimmert
Nur die Kiefer quietscht und wimmert
Jammert über Winterschäden
Muss zum Kieferorthopäden.

 

Wiglaf Droste

 

 

Wiglaf Droste: nutzt gar nichts, es ist Liebe. Gedichte. Leipzig 2005

1914

Wir waren jung und sind …

Blick in die Ausstellung (19)

 

 

Paul Zech

Genug … Genug!

Belaubung sproßt … der Wald gilbt alt,
aus blauem Licht wird weißes Wehn.
Wir waren jung und sind schon kalt
im rasenden Vorüberdrehn
der Jahre zwischen Krieg und Krieg.
Wir haben kein Einander mehr,
der Alb, der unsern Schlaf bestieg,
fraß unsere Seele mitleidleer,
der Tag, der uns zusammenjagt,
saugt Kraft aus unserem Verfall,
des Todes schwarze Fahne tagt
als Sonne in dem grauverschwommenen All.
… und darum starbst Du, Jude Christ,
für uns das schreckliche Gericht,
das noch in dem Kadaver ruchbar ist
auf Feldern, wo Dein Reich zerbricht?
Und darum starbst Du, Sohn Maries,
den großen Muttertrost,
daß, wie um Stirnen wilden Viehs,
grausames Morden weitertost?
… Herab vom Kreuz, entäußere Dich!
Sei wieder Mensch zu Mensch und tief
nothaft geweintes Ich zu Ich,
arm Haupt, das schwer auf Steinen schlief!
Noch in den Gräben sei mit uns,
zum Morden nicht, sei unser Fliehn
zum Nachtgestirn, sei unseres Munds
heilige Einfalt, wenn wir knien:
daß der, im andern Graben vorn,
erkennt, wie wir verbrüdert sind,
erkennt, daß nur ein armes Korn
in uns gesät, anschwillt zum Wind,
anschwillt zur Flut, zur höchsten Glut;
Wind, Flut und Glut: ja diese drei
durch Dein, durch unser aller Blut
aufdonnern: Du, Genug! Genug! Genug!

 

 

1914, Museum

Eine Passion wider den Krieg

Blick in die Ausstellung (18)

Welche literarische Bedeutung kommt Paul Zech (1881–1946) zu?

Paul Zechs literarisches Werk ist nur schwer greifbar. Bekannt wurde Zech vor allem durch seine Nachdichtungen aus dem Französischen von Werken Rimbauds und Villons. Viele kennen Kinskis Ich bin verrückt nach deinem Erdbeermund – das ist eine Nachdichtung Zechs. Daneben wird er als expressionistischer Arbeiterlyriker rezipiert. Aber auch das ist nur eine von vielen Facetten. Im Grunde ist Zechs Werk uferlos. Es besteht aus 30 Gedichtbänden und rund ebenso vielen Dramen und Erzählwerken… Wie groß sein literarischer Einfluss zu Lebzeiten war, zeigt sich allein daran, dass Zech mit 12 Gedichten in der epochalen Anthologie Menschheitsdämmerung aus dem Jahre 1919 vertreten ist, dem Standardwerk des literarischen Expressionismus. Im Gegensatz zu Stramm und Sack ist Zech ein Verfechter traditioneller Reim- und Strophenformen voll suggestiver Sprachkraft und magischen Bildwelten.

Welche Bedeutung spielt Zech heute?

Zech ist heute weitgehend vergessen. Aber auch nicht ganz vergessen. Um die Jahrtausendwende erschien eine sehr verdiente neue Gesamtausgabe seiner Werke, vor einigen Jahren gab es eine große Ausstellung. Ein Problem ist sicherlich die Uferlosigkeit seines Werks und auch, dass er Vieles unfertig veröffentlichte, Bedeutsames neben weniger Gelungenem steht.

Wie stand Zech zum Ersten Weltkrieg?

Zechs Biografie zeigt prototypisch, wie sich anfängliche Kriegsbegeisterung in eine pazifische Haltung umkehrte. 1914 hatte auch Zech patriotische Gedichte verfasst und sich freiwillig zum Militär gemeldet. 1915 war er an der Ost- und später an der Westfront stationiert. Auch dort verfasste er noch 1916 weitere Propagandatexte. 1917 ließ er eine noch teilweise patriotische Gedichtsammlung Helden und Heilige folgen. Dann erfolgte der Umschwung mit dem kriegskritischen Bändchen Vor Cressy an der Marne. Gedichte eines Frontsoldaten. Sie erschienen allerdings als Privatdruck und unter Pseudonym. 1919 kamen dann seine während des Kriegs entstandenen, zunehmend pazifistischen Tagebuchaufzeichnungen heraus: Das Grab der Welt. Eine Passion wider den Krieg.

Welche militärische Rolle spielte er im Krieg?

Er war zunächst Schreibtischsoldat und kurz darauf wieder entlassen. 1915 wurde er offenbar neu gemustert und kam an die Front, erst an die Ost-, dann an die Westfront. Hier erlitt er im Sommer 1916 schwere Verletzungen bei einer Verschüttung im Schützengraben, wofür er mit dem Eisernen Kreuz entschädigt wurde. Ab 1917 tat Zech wieder Dienst als Soldat, aber dank einer Empfehlung nur hinter der Front, diesmal bei der Obersten Heeresführung in Frankreich.

Wie setzt er sich literarisch mit dem Krieg auseinander?

Zech schrieb vor allem formstrenge Gedichte, in denen auch – anders als bei Stramm und Sack –pathetische Töne vorkommen. Seine Lyrik ist insgesamt konventioneller und fragt – fast altertümlich – nach dem Lebenssinn. Zechs Hauptthema ist die tragische Existenz des Menschen. Die Kulissen hierfür fand er in der Arbeitswelt, in sozialen Gegensätzen und eben auch im Krieg.

Ein Interview mit Walter Gödden im Rahmen der aktuellen Ausstellung. Die Fragen stellte Thomas Frank (WDR 3).
Die Ausstellung „1914: text und krieg – krieg und text“ läuft noch bis Mitte Mai.

1914

Die Zeit und ihre Gottserbärmlichkeit

Blick in die Ausstellung (17)

 

 

Paul Zech

Unsere Nächte haben keine Schreie mehr

Unsere Nächte haben keine Schreie mehr,
voll von Falten brechen unsere Munde.
Und doch reißt uns jede Stunde eine neue Wunde,
tobt Verfall durch unsere Gehirne quer.

Noch den Schlaf zu rufen haben wir
nicht den Mut; das Blut vergreist …
Weißt Du wirklich, was das heißt –:
Bach und Stern … ein Baum … ein Tier?

Weißt Du wirklich noch, daß Du das bist,
was Du scheinst mit Gang und Klang und Haar?
Eine große Lücke zwischen dem, was war,

zwischen dem, was ist,
klafft auf Deiner Stirne in die Zeit;
zeigt die Zeit und ihre Gottserbärmlichkeit.

 

 

 

 

1914

ekelhaft dünn grau endlos

Blick in die Ausstellung (15)

 

Gustav Sack

Brief an Paula Sack

31. XII. 1914, Nachmittag, im Graben von Hardécourt

Warum schreibst Du nicht, mein Lieb? […] nachdem es heute nacht gefroren hatte, pinkelt es jetzt wieder, so ekelhaft dünn und grau und endlos – zum Heulen traurig. Und überall stürzen die mühsam wieder ausgebesserten Grabenwände ein – Sumpf, Dreck, ein Schweinekoben. Regnet es noch lange, so wird es wieder durch unser ‚Dach‘ durchregnen, wir können dann suhlen wie die Säue. Weißt Du übrigens, daß diese Unterstände so niedrig sind, daß man, auf dem Boden sitzend, gerade noch aufrecht sitzen kann? Habe ich Dir auch schon geschrieben, daß vor unsere Stellungen schon vierzehn Tage lang ganze Reihen toter Franzosen liegen? Eben eingezogene, ganz junge, frische Bengel, vierzehn Tage in dem Dreck und Regen, kein Mensch begräbt sie, diese schwarzen, faulenden Klumpen. Heute nacht bringt uns eine Patrouille Sardinen und Konservenbüchsen mit, die man in den französischen Brotbeuteln reichlich findet. Die öffnet man dann halb seelenruhig, halb von Ekel geschüttelt, und futtert sie auf. […]

 

 

1914

Fenster grinst Verrat

Blick in die Ausstellung (16)

 

 

Patrouille

Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod.

August Stramm

Autoren, Interview

Die Wirklichkeit erfinden

Jutta Richter

 

„Ganz wichtig: Langsamkeit. Die Möglichkeit haben. Das Gras wachsen zu sehen.“
Jutta Richter, Kinder- und Jugendbuchautorin

 

 

„Ich brauche Ruhe, meinen Computer oder Laptop, Pfefferminz und Ideen. Wörter sind für mich so was wie Steine im Steinbruch und die baue ich ja und drehe sie so, dass zwischen den Sätzen Sätze stehen, die nicht geschrieben sind. Das braucht Zeit. Und es ist für mich ein sehr autistischer Beruf in meinen Schreibphasen. Sonst bin ich wohl der Welt zugewandt, aber wenn ich in einer Geschichte lebe und sie aufschreibe, kann ich die Welt nicht gebrauchen, weil das ist die Wirklichkeit, die ich erfinde.“

„Ich schreibe nicht für Kinder, ich schreibe über Kindheit. Und für Kinder kann ich deshalb nicht schreiben, weil ich die Kinder nicht kenne, die mich lesen. Ich kann nicht zielgruppenorientiert arbeiten. Geht gar nicht. Von daher ist mir der Leser beim Schreiben fern und fremd und ich denke nicht an ihn.“

„Ich habe das Gefühl, ich möchte doch etwas vermitteln. Nämlich Weltbegreifen und die Solidarität zu erleben, indem man Dinge liest und erfährt, dass andere ähnlich denken, wie man selbst. Wenn das erreicht würde, dann ist das eine wunderbare Botschaft.“

Jutta Richter, geboren 1955 in Burgsteinfurt, Studium der Theologie, Germanistik und Publizistik, lebt heute auf Schloss Westerwinkel in Ascheberg. Die Kinder- und Jugendbuchautorin schreibt neben Romane und Erzählungen auch Gedichte, Hörspiele und Theaterstücke. Für ihre Bücher hat sie bereits zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten. Das komplette Interview findet sich hier.

1914

Und geht und geht und

Blick in die Ausstellung (14)

 

 

Signal

Die Trommel stapft
Das Horn wächst auf
Und
Sterben stemmt
Das Haupt durch flattre Sterben
Sträubt
Gehen Gehen
Sträuben
Geht
Und geht und geht
Und geht und geht
Und geht und geht und geht und geht
Geht
Stapft
Geht.

 

August Stramm

Autoren, Interview

Erkenntnis aus Widersprüchen

Ulrich Horstmann

 

„Mich reizt die Paradoxie, dass es ein gelungenes Scheitern gibt.“
Ulrich Horstmann – Literaturwissenschaftler und Literat

„Routine und Disziplin? Sehr wichtig. Man muss zur Verfügung stehen, man darf aber nichts erzwingen. Das heißt also, man sollte den Dienst antreten, zu einer ganz bestimmten Zeit am Schreibtisch und anfangen, den Papierkorb zu füttern.“

„Ich kann nur sagen, dass ich mich auch in meinem 61sten Lebensjahr noch nicht an diesen Planeten gewöhnt habe, dass ich das Gefühl habe: „Ich bin hier fehl am Platz“ – und dass ich mir auch sicher bin, ich sollte dieses Gefühl artikulieren, ich sollte dieses Gefühl aussprechen, ich sollte dieses Gefühl literarisieren, weil ich mir sicher bin, dass ich Gesinnungsgenossen habe und dass ich nicht der Einzige bin, der sich hier als Alien vorkommt.“

„Ich glaube, man sollte Denken nicht unbedingt auf Affektstaus zurückführen. Die mögen auslösende Wirkung haben, aber wenn Aphorismen einfach Explosionen sind, dann sind es schlechte Aphorismen. Es geht immer um Kontrolle, es geht immer um möglichst präzise und effektive Artikulation und ich hoffe doch, dass ich sehr, sehr wenig aus einem Gefühlsüberschwank heraus oder aus Abscheu heraus zu Papier gebracht habe. Denn dafür müsste ich mich im Nachhinein entschuldigen.“

„Ich habe gelernt, ohne Publikumsresonanz zu leben. Es wäre gelogen, zu behaupten, dass mir das leicht gefallen wäre, aber jetzt kann ich es.“

Ulrich Horstmann, geboren 1949 in Bünde, aufgewachsen unter beredten Büchern im mundfaulsten Teil Westfalens (Selbstaussage). Studium der Anglistik und Philosophie. Im Besitz der niederen und höheren akademischen Weihen, gleichwohl der literarischen Schwarzarbeit ergeben: Erzählungen, Lyrik, Theaterstücke, Hörspiele, Aphorismen, Romane. Zuletzt erschienen Kampfschweiger. Gedichte 1977-2007 (2011) und Abschreckungskunst. Zur Ehrenrettung der apokalyptischen Phantasie (2012). Das komplette Interview findet sich hier.